Quelle:   Outdoor-Magazin  |  8.3.2008

Auf leisen Sohlen. Nirgendwo ist Mallorca so einsam wie in den Bergen der «Serra de Tramuntana».

Wanderer finden hier ihr stilles Paradies

Auf Entdeckungstour. Verträumte Dörfer und verborgene Buchten – von Ballermann spürt man in der «Serra de Tramuntana» nichts.

Das war das große Fischer­boot meines Groß­vaters!“ Juan Rullan reißt mir den Wander­führer aus der Hand und muss lachen. „Das Foto ist aber sehr alt … denn das Boot ist schon lange kaputt!“ Der 29-­jährige Mallor­quiner kann es kaum fassen, dass er in mei­nem aktuel­len Wander­führer gerade ein Bild ent­deckt hat, das es so gar nicht mehr gibt. Das Foto zeigt die Bucht von Deiá, Cala de Deià, eines der vielen idyl­li­schen Fleck­chen im Gebirgs­zug Serra de Tra­mun­tana oben im Norden Mallorcas.

Es ist noch nicht allzu viele Jahre her, da fuhr Juans Großvater jeden Tag aufs Meer, um Fisch für den Markt und später das Tages­menü des Lokals zu fangen. Die Groß­mutter bekochte anfangs nur die Mann­schaft des Fischer­boots. Doch dann begann sie, den frischen Fang auch für Gäste zuzu­be­reiten. Und so baute die Familie Rullan ein Strand­lokal auf, in dem heute noch die ganze Verwandt­schaft hilft: Juan macht es sicht­lich Spaß, die Gäste zu bedie­nen und mit Frem­den zu plau­dern. Seine Cousine steht hinter dem Tresen, seine Tante führt die Küche. Nur die Fische kommen mittler­weile nicht mehr von Groß­vaters Boot, sondern vom Markt. Vor dreißig Jahren, erzählt Juan, leb­ten noch fünf Fischer­familien in der Bucht. Heute ist seine Familie die einzige, die geblieben ist.

Immer an der Küste entlang

Im Frühling und Sommer fallen die Bade­gäste flut­wellen­artig in der Kies­bucht ein; im Herbst toben Regen­stürme, und die Wellen schlagen bis an das mit Kabel­bindern fest­ge­zurrte Bambus­dach der Terrasse. Sei es das Bade­idyll oder die wuch­tige Macht der herbst­lichen Natur – der Ort hat einen Charme, der auch Maler wie Pablo Picasso und Ulrich Leman ange­zogen hat. Nicht zu ver­ges­sen den Künstler Mati Klarwein, der für Carlos Santanas Album „Abraxas“ die Bucht von Deiá auf dem Cover verewigte. Am meis­ten beein­drucken die weißen Felsen, die der Bucht vor­ge­lagert sind und beim Heran­wan­dern auf dem schmalen Küsten­weg immer größer werden. Vom Dorf Llucalcari kommend, das eben­falls eine Besich­tigung ver­dient, schmiegt sich der Weg sehr eng an die Meeres­küste. Er führt unter Schatten spen­de­nden Kiefern entlang, über schroff gemus­terte Kalk­for­ma­tionen, kleine Abhän­ge auf und ab und an stache­ligem Busch­werk vorbei. Hier und da muss man Holz­stufen über­schrei­ten und kann unter­wegs auf Stein- oder Holz­ti­schen rasten. Die Route führt von den Klippen herab direkt in die Bucht hinein. Von dort sind es noch weitere zwanzig Wander­minu­ten durch alte, male­rische Oliven­haine den Hang hinauf nach Deiá. Der Rück­weg beginnt auf halber Strecke zwi­schcen Dorf und Bucht und führt auf einem gut befes­tigten Wander­weg hinauf, eben­falls durch Oliven­haine und gepflegt ange­legte Citrus­baum-­Terras­sen. Schnell gelangt man wieder auf die Route des Fern­wander­weges GR 221 in Rich­tung Sóller und an der Capela de Castelló vorbei zurück zum Park­platz auf dem Aus­sichts­punkt Cap Gros.

Ein Gebirge für Individualisten

Den Aussichtspunkt ziert ein schlich­ter Leucht­turm, der den Sport- und Fischer­booten den Weg in den Hafen von Sóller weist. Die Sied­lung Port de Sóller ist der histo­rischen Stadt am Meer vor­ge­lagert und hat sich zum belieb­ten Ausgangs­domizil für Wan­de­rer ent­wickelt. Eine schmucke Hafen­pro­me­nade mit zahl­reichen Restau­rants und Bars lädt ein, um die 400 Anlege­plätze ent­lang zu flanieren. Außer­dem bietet das Meeres­museum Ein­blicke in die Geschich­te und Tradition der Hafen­gemein­de. Heute zieht die Ein­sam­keit des Gebirges Indi­vi­dualis­ten in die Serra de Tra­mun­tana, doch früher stand das Gebir­ge für die Iso­lation und Abge­schieden­heit des Nordens vom Rest der Insel. Der Hafen gewann schließ­lich an Bedeu­tung, als im 19. Jahr­hun­dert der inter­natio­nale Handel aufkam. Zitrus­früchte und Oliven der Region sowie Fische und Meeres­früchte wurden zur begehr­ten Export­ware, die von Port de Sóller aus nach Frank­reich und bis nach Latein­amerika verschifft wurden. Erst 1912 gelang mit dem Bau einer Zug­linie der „Durch­bruch“ in den Süden. Die Bahn tuckert heute noch in nostal­gischen Waggons aus Holz und Mes­sing durch Täler und Berge bis in die Insel­haupt­stadt Palma.

malle2.jpg malle11.jpgDoch von ihrer schönsten Seite zeigt sich die Bergwelt der Insel dem Wan­de­rer. War die Küste auf dem Weg nach Deiá stets zum Grei­fen nah, blickt man auf der Grat­wan­derung um Vallde­mossa von rund 900 Höhen­metern Ent­fer­nung auf das weite Blau mit den vie­len weißen Segel­boo­ten hinab.

Vom Aus­sichts­berg Teix (1.062 m) öffnet sich der Blick in alle Rich­tun­gen und schweift über den lang gezo­genen Gebirgs­zug, dessen verspiel­te Fels­formen und kantige Berg­gipfel ein Bild auf­regen­der Linien, Zacken und Profile bieten. Gutes Wetter er­laubt die Aus­sicht über das Flach­land unter­halb der Berg­kette hin­weg bis nach Palma und die hüge­lige Süd­küste der Insel. Der Puig Gros (938 m) ist ein wei­te­rer Aussichts­punkt, der vom Weg nur wenige Schritte nach oben führt. Warme Brisen und Wind­böen machen das Laufen in der Sonne ange­nehm. Der Weg ist durch­gängig sehr gut befes­tigt und recht breit angelegt – was mit­unter dem Erz­herzog von Öster­reich Ludwig Salvador zu verdan­ken ist, der um die letzte Jahr­hundert­wende nicht nur als ambi­tionier­ter Natur­wissen­schaft­ler, sondern vor allem als Mallorca-­begeis­terter Wan­derer und Reiter unter­wegs war. So weit ging seine Bewun­derung der Flora und Fauna Mallorcas, dass er über 30 Jahre hinweg einen rie­sigen Land­strich zwi­schen Vallde­mossa und Deiá zusammen­kaufte.

Die abenteuerlichste Tour der Insel

Immer wieder begegnet man in der Region zum Bei­spiel den selten gewor­de­nen Stein­eichen. Die buschi­gen und klein­wüchsigen Bäume nähren sich aus dem trocke­nen Boden. Wacholder­büsche, Schneid­gras oder Garrigue bes­pren­keln die rauen Kuppen des hoch­ge­legenen Küsten­weges mit Grün­tönen; Berg­ziegen und Schafe knab­bern gierig an den flachen Gewäch­sen.

Auch spektakuläre Schluchten hat das mallorquinische Gebirge zu bieten. Auf der Durch­que­rung des Torrent de Pareis geht es selbst für geübte Wan­de­rer gut zur Sache, wenn der Hinder­nis-­Parcours über meter­hohen Stein­brocken und durch kalte Fluss­becken führt. Der Canyon ist die wohl aben­teuer­lichste Tour der Insel und des­halb un­be­dingt nur bei gutem Wetter zu bege­hen. Im Herbst und Winter stel­len plötz­liche Regen­fälle und Flut­wellen eine Gefahr dar, im Som­mer aller­dings ist die Strecke ein rich­tiges High­light. Man folgt dem Fluss­bett am bes­ten meer­wärts. Nach gut fünf Stun­den Wan­derung in­klu­sive kurzer Kletter­ein­lagen öffnet sich die Klamm spek­ta­kulär ins Mittel­meer hinaus und die Bucht Sa Calobra lädt zum abschlie­ßen­den Bade­gang.

Formenschatz. Canyons, Höhlen und Buchten: Die Kraft des Wassers ist allgegenwärtig auf Mallorca.

Als ich Juan Rullan, dem netten Mallorquiner in der Bucht von Deiá, sachte wie­der meinen Wander­führer aus der Hand nehme und ihm die Bilder der Schlucht prä­sen­tiere, möchte ich ihn fragen, ob er denn dort unten schon einmal ge­we­sen sei. Aber seine Cousine ruft ihn aus der Bar: Strom­aus­fall, Juan muss den Kurz­schluss repa­rieren. Im Weg­lau­fen dreht er sich kurz um: „Bald ist die Saison­vorbei, dann reise ich nach Latein­amerika!“ Wie schade, denke ich. Und tauche in den Berg saf­tiger Tinten­frisch­ringe ein, die mir seine Tante soeben ser­viert hat.

Entspannt unterwegs

Mallorca ist unkompliziert zu bereisen. Hier bekommst Du alle wichtigen Basisinformationen für Deinen Trip.

Beste Wanderzeit:  April bis September, nur der August ist wegen großer Hitze zum Wan­dern un­geeig­net. Eine ganz be­son­dere Zeit: die Man­del­­blüte, die bereits im Ja­nuar beginnt.

Anreise:  Flüge zum Beispiel mit Air Berlin und Ryanair von Bremen nach Palma. Vor Ort empfiehlt sich ein klei­ner Miet­wagen, zahl­reiche Rent-­A-­Car-­Anbieter sind direkt im Park­haus am Flug­hafen ange­siedelt.

Übernachtung:  Prächtiges, altes Gutshaus mit hohem Wohlfühlcharakter: Hotel Es Port, C. Antonio Montis, 07108 Port de Sóller, Tel. 0034/971631650. Familiäres Hotel mit Stil: Fincahotel Can Coll, Cami de Can Coll, Cami can Coll 1, 07100 Sóller, Tel. 0034/971633244. Traditionelle Fincas: www.agrotourismo-balear.com

Literatur/ Karten:  Mallorca, Rolf Goetz, Bergverlag Rother, München 2009, 12,90 EUR. Kompass-Karte 1:75.000. Mallorca – Wander-, Rad-, Freizeitkarte 230, 8,95 EUR.

Information:  Spanisches Fremdenverkehrsamt in Berlin, Tel. 030/8826543. Touristen­infor­mation und gut ge­pfleg­te Such­kataloge im Internet unter www.infomallorca.net, www.mallorca-index.com

GR 221:  Der Fernwanderweg GR 221 durchquert auf insgesamt 135 km die Serra de Tramuntana von Port d’Andratx im Süd-Westen bis Pollenca im Nord-Osten. Er verläuft zum Groß­teil über alte Pfade und Stein­wege und pas­siert dabei tradi­tionelle Gäste­häuser und Refu­gios. Noch ist der Weg aber nicht kom­plett aus­geschil­dert. Aktuelles: www.gr221.info

Quelle dieses Artikels ist das outdoor-magazin. Mehr Mallorca-Informationen bekommst Du hier: www.outdoor-magazin.com/mallorca

Wandern auf Mallorca

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