Herzlich Willkommen. Begleite mich für einige Tage auf dem französischen Jakobsweg von Lyon nach Le Puy-en-Velay.

Tag 1 – Samstag, 22.9.2012
Lyon • Thurins, 31 km
7:07 h | 831 Hm  |  4,4 km/h
Gesamtstrecke seit Start:     31 km

Vom Hotel zur Kirche St. Nietzer. Hier beginnt der Jakobsweg in Lyon. Es ist ein Sams­tag. Regel­mäßig wird mir die of­fe­ne Hand ent­ge­gen gehal­ten. Betteln gehört in die­ser Groß­stadt zum Stra­ßen­bild. Würde ich jedem einen Euro geben, meine Reise müsste ich wohl oder übel früh­zei­tig been­den.

Los geht’s

St. Nietzer. Ich warte die Messe ab. Es ist kurz nach 13 Uhr. Einer der bei­den Geist­li­chen spricht sogar deutsch. Wie ich es später noch öfter hören soll, hat er Deutsch in der Schule ge­lernt und war als Schüler dann im Aus­tausch in Deutsch­land. Mit ver­ein­ten Kräf­ten – mit fünf Per­so­nen – wird in der Sankt­Christei nach dem Pil­ger­stem­pel ge­sucht. Und ge­fun­den. Es kann also mit geist­li­chem Segen und sei­nen bes­ten Wün­schen für den Weg los­gehen.

Erst noch einmal das Übliche

Wasser und einige Lebens­mit­tel für unter­wegs ein­kau­fen. Es wer­den dann ne­ben Was­ser und ei­ner Fla­sche ge­kühl­tem Oran­gen­saft nur Kek­se und Nüs­se. Das fri­sche Obst lasse ich bes­ser in sei­ner be­ein­dru­cken­den Aus­lage lie­gen. Ent­weder hat es zahl­rei­che wei­che Druck­stel­len oder ist auf der Rück­sei­te be­reits an­ge­schim­melt. Zu se­hen be­kom­me ich das erst, wenn ich die Frucht in die Hand neh­me. Alles ist der­art ge­schickt auf Fri­sche prä­sen­tiert. Ich hätte doch bes­ser auf dem Markt ent­lang der gegen­über lie­gen­den Fluss­pro­me­nade ein­kau­fen sol­len. Für ein Zurück ist es jedoch immer zu spät.

Bergan verlasse ich Lyon. Eine ver­­gleich­­bare Aus­­schil­­de­­rung mit den auf­­wen­­di­­gen Mes­­sing­­mu­­scheln im Bo­­den hatte ich erst­­mals im spa­­ni­­schen Gijon ge­se­­hen. Ab Stadt­gren­ze wech­selt die Aus­zeich­nung des Weges auf die in­zwi­schen auch in Deutsch­land gän­gi­ge gelbe Mu­schel auf blau­em Grund. Landschaftlich ist es toll. Wie meine Frau sa­gen würde: «ganz schön viel Gegend hier».

Einziges Problem: irgendwie wird erst der Orts­aus­gang an­ge­zeigt. Dann bin ich durch den Ort hin­durch und es ist für eine Unter­kunft im­mer schon zu spät. Zurück lau­fen ist un­sport­lich. Also gesellt sich ein Kilo­me­ter zu dem an­deren.

Kurz vor Thurins verlasse ich die häuser­arme Land­schaft und traue im er­sten Augen­blick mei­nen Augen nicht. Da steht ein Pizza­bäcker in einem Pkw-An­hän­ger. Der Clou: an sei­nem Dach macht er mit meh­reren rotie­ren­den Warn­leuch­ten auf sich auf­merk­sam. Lustig. Ins­be­son­dere wenn man den Tag über nur Land­schaft zu sehen bekom­men hat.

Als ich in Thurins ankomme ist es bereits dunkel. Von dem Hotel in mei­nem Pil­ger­führer keine Spur. Nie­mand kennt es. Kei­ner hat je davon gehört. In einer Bar gibt es heute eine Tanz­ge­legen­heit. Party­licht, Bal­lone, glit­zern­des Konfet­ti. Wenig Leute. Es sei noch zu früh. Ich nehme meinen Mut zusam­men und frage trotz feh­len­der Sprach­kennt­nisse nach dem Hotel. Das ist un­be­kannt. Aber so­gleich küm­mern sich zwei attrak­tive Nacht­schwär­me­rin­nen mit­samt Beglei­ter und Tre­sen­be­die­nung um einen Schlaf­platz für mich. Letzt­end­lich spricht eine von bei­den sogar etwas deutsch. Auch sie hatte vier Jahre Sprach­unter­richt in der Schule und einen Jugend­aus­tausch. Ihr Beglei­ter, der mich in Klei­dung und Art an den deut­schen Sänger Roger Cicero erin­nert stellt sich als ihr Ehe­mann heraus. Roger kennt man hier nicht. Genau­so wenig wie eine Schlaf­stät­te für mich. Trotz aller Bemüh­un­gen und zahl­loser Tele­fo­nate mit Tele­fon und Handy will es selbst im Um­kreis von 40 Kilo­me­tern keine Bleibe für die Nacht geben. Und das trotz des freund­li­chen Ange­bo­tes mich mit dem Auto dort­hin zu bringen.

Nachdem es sich als beschwerlich erweist ein Bett für die Über­nach­tung zu be­kom­men, scheint die­ses meine Change für meine erste Nacht im Freien zu werden.

Ich bedanke mich und merke an, unter den ge­ge­be­nen Um­stän­den im Frei­en über­nach­ten zu wollen. Das trifft auf Über­ra­schung und zeit­gleich auf Bewun­de­rung. Ich Stadt­mensch bin in die­sem Moment schon mäch­tig stolz auf mich. Ich will neben der Kirche cam­pie­ren. Morgen sei kein Sonntags­gottes­dienst. Das passt gut. Die Tre­sen­be­die­nung werde noch den für den Ort zustän­dien Poli­zei­beam­ten über mein Vor­ha­ben infor­mie­ren, da­mit es kei­ne Pro­ble­me gäbe. Toll. Also steht meiner Nacht in der «City» nichts mehr im Wege.

Gute Nacht

Es soll anders kommen. Der Platz neben der Kirche ist Durch­gangs­lauf­weg vom und zum Park­platz. Und die anfäng­lich so mager be­such­te Tanz­ver­an­stal­tung soll sich dann zu der Attrak­tion für die Gegend erwei­sen. Grölen­de und betrun­kene Leute, die gegen mein Zelt pinkeln oder einfach nur mal während der gesam­ten Nacht immer mal wieder «Hallo» sagen wollen, mindert den Reiz für diesen Stand­ort mäch­tig. Also baue ich mein Zelt gar nicht erst auf.

Der Eingang zur Cafeteria des Stadt­hau­ses ist über­dacht. Aber auch hell beleuch­tet. Direkt neben­an ist eine groß­zü­gig ange­legte Behin­der­ten­toi­let­te. Die Türe ist un­ver­schlos­sen. Na dann.

Meine Entscheidung fällt dann doch zugunsten des über­dach­ten Auf­ent­halts­plat­zes der benach­bar­ten Grund­schule. Das soll sich später als richtig und gut erwei­sen. Denn schon kurz nach­dem ich über den Zaun geklet­tert war und mein Nacht­lager bezo­gen hatte, ließen sich laut gröh­lende Jugend­liche an dem zuvor von mir favo­ri­sier­ten Schlaf­platz zum Feiern nieder. Davon sollte ich fast die ganze Nacht noch etwas haben. Neben der Befürch­tung, dass der Haus­meis­ter der Schule eben­falls zur Tanz­ge­le­gen­heit sei, und irgend­wann in der Nacht bei sei­ner Rück­kehr sei­nem Hund noch­mals Aus­lauf inner­halb des abge­sperr­ten Arials geneh­mige, kam der nächt­liche Traum, die Kids auf dem Lande hätten nichts bes­se­res zu tun, als mir «Penner» bei mei­ner Ent­deckung die Füsse mit brenn­ba­rem Sprit zu über­gießen. Beides blieb mir glück­licher­weise er­spart.

Mein Problem kam dann aus einer ganz ande­ren Rich­tung. Das Zelt brauch­te und konnte ich nicht auf­bauen. Ich hatte ja eine Über­dachung, zum an­de­ren einen gegos­se­nen Beton­boden und kein frei­tra­gen­des Zelt. Hatte ich bei der An­schaf­fung mei­ner Aus­rüs­tung doch aus­schließ­lich an die Ein­spa­rung von Gewicht gedacht. Mei­nen Schlaf­sack hatte ich bis­lang für die Nut­zung in Pilger­her­ber­gen genutzt und ange­schafft. Bisher war es immer warm genug. Diese Nacht, trotz tags­über für Ende Sep­tem­ber üppigen Tem­pe­ra­turen von 26-28 Grad C, wurde sehr diesig und kühl. Je weiter die Nacht fort­schritt, um so käl­ter wurde es. Schon zu Beginn zogen Nebel­­schwa­den auf. So dass die am gegen­über lie­gen­den Hang ge­le­ge­nen Häuser und de­ren Beleuch­tung nicht mehr zu erken­nen waren.

Morgens beginnt ein neuer Tag

Es war inzwischen hell geworden. Ich lebe noch. Bis zum Auf­stehen, mein Schlaf­sack fühlte sich nicht nur von außen trotz Über­dachung feucht an, drehte ich mich noch einige Male um und nickte erneut weg. Wollte ich doch mit den Son­nen­strah­len auf­stehen. Das wurde jedoch nichts. Es blieb diesig.

Das Aufstehen wurde dennoch beloht. Zuerst filmte ich mich bei mei­ner Katzen­wäsche. Erst an­schlie­ßend fand ich heraus, daß es auf der Behin­der­ten­toi­let­te am Wasch­­becken hei­ßes Was­ser gab. Welch eine Freude. Im All­tag weiß ich das gar­nicht mehr so zu schät­zen. Jetzt kann der Tag star­ten. Es sollte nach den 31 Kilo­me­tern des er­sten Tages heute wohl ein beschwer­li­cher zwei­ter Wan­der­tag werden.

Tag 1 – 22.9.2012, von Lyon nach Thurins

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