Herzlich Willkommen. Begleite mich für einige Tage auf dem französischen Jakobsweg von Lyon nach Le Puy-en-Velay.

Tag 3 – Montag, 24.9.2012
St-Symyhorien-sur-Coise • St-Romain-le-Puy, 40 km
8:48 h | 576 Hm | 4,5 km/h
Gesamtstrecke seit Start:    93,4 km

 

Weiß man am Anfang eines Tages schon was einen erwar­tet?

Beim Pil­gern inter­es­siert mich, wie weit wer­de ich am heu­ti­gen Tag kom­men. Und schon schließt sich eine wei­tere Frage an:

Wann eigent­lich beginnt ein Tag?

Bekanntlich gab es gestern kein Bett und keine Dusche für mich. Der gesamte Ort schlief bereits als ich eintraf. Und jene Verein­zel­ten, die noch wach waren, woll­ten mit dem ein­lau­fen­den Straßen­vaga­bun­den besser nichts zu tun haben. Also blieb mir nur das Zelt. Direkt auf dem Grün neben dem Haupt­portal der Kirche im Zen­trum des Ortes.

Die Nacht war ruhig. Ich hatte einen guten Platz im rela­ti­ven Wind­schatten aus­ge­wählt. Rich­tig gemacht!

Ich erinnere mich daran, min­des­tens gegen ein Uhr und gegen vier Uhr von Geräu­schen wach gewor­den zu sein. Nun zurück zu meiner Frage:

Wann beginnt ein Tag? Mit dem ers­ten Auf­wachen nach Mitter­nacht? Oder mit dem Auf­stehen gegen 6:15 Uhr?

So verschlafen wie sich der Ort gestern Abend zeigte, so wur­de gegen Morgen ein Lem­ming nach dem ande­ren wach, um dann geräusch­voll den Weg zur Arbeit oder doch erst ein­mal zum Bäcker zu beginnen.

Sachen packen. Alles trocken. Was hab ich doch heu­te für Glück. Sogar eine öffent­liche Toi­let­te neben der Kirche lädt zum Pin­keln ein. Toll wäre natür­lich gewe­sen, wenn die ultra­mo­der­ne Tech­nik mit Bewe­gungs­mel­der auch aus dem Seifen­spen­der und dem Wasser­hahn Seife und Was­ser abge­geben hät­ten. Nun ja. Wer sagt schon, dass der Tag per­fekt begin­nen sollte.

Kalte Orangina und Fertig-Toast von Lidl. Mein Früh­stück. Zwei Fotos gemacht. Schnell noch fest­ge­stellt, dass eine super moder­ne Kame­ra, vermut­lich sogar nacht­sicht-taug­lich, direkt über mei­nem Zelt­platz am Kirch­tum ange­bracht war. Pastor und Gemein­de wer­den für Jahre et­was zu erzäh­len ha­ben. Viel­leicht aber wird in eini­gen Jahr­zehn­ten auch eine Geschich­te draus. Wie in Spa­nien von dem Jun­gen und dem Hahn.

Ändern kann ich das jetzt eh nicht mehr. Also kann es los gehen.

Mensch. Die Lemminge hier sind mit Son­nen­auf­gang sehr geschäf­tig. Im Ort kom­me ich an zwei Bäcke­reien vor­bei. Kinder wer­den in der Grund­schule empfan­gen. Ein Maler steht bereits mit Farbe und Pin­sel auf der Lei­ter. In der offe­nen Gara­ge der Renault-Werk­statt wird flei­ßig geschraubt. Es gibt sogar einen Super­markt. Ich über­lege kurz, um dann zufrie­den fest­zu­stel­len: ich brauch jetzt nichts. Nicht mal gekühl­ten Orangen­saft.

Ein Bahnübergang. Als ich kurz darauf Fotos von den ein- u. aus­fah­ren­den Regional­zügen der Linie «RohnAlp-Ex­press» schieße stelle ich über­rascht fest, dass mir eine Abkür­zung mit dem Zug über­haupt nicht in den Sinn gekom­men ist.

Es geht bergan. «St-Georges-Haute-Ville». Irgend etwas sagt mir der Orts­name. Ja. Zum einen ist das der Ort, den ich ges­tern unmög­lich erreich­en konn­te. Und dann fällt es mir ein, hier lau­fen mein Weg und der Jakobs­weg aus «Trier über Cluny» zusam­men wei­ter. Hier treffe ich also end­lich ande­re Pilger. Von hier an wird es also voll auf dem Weg. Und richtig. Es sind zahl­lose junge Pil­ger mit meist klei­nen Ruck­sä­cken. Drän­geln sich vor einem Schul­tor, um einzeln begrüßt und einge­las­sen zu wer­den. Ihre Beglei­tung: zufrie­den drein blicken­de El­tern. Es sieht verdäch­tig nach Ein­schu­lung aus. Der Andrang an Fahr­zeu­gen mit Kin­dern will nicht abrei­ßen.

Tag 3 – 24,9,2012, von St-Symyhorien-sur-Coise nach St-Romain-le-Puy

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