Herzlich Willkommen. Begleite mich für einige Tage auf dem französischen Jakobsweg von Lyon nach Le Puy-en-Velay.

Tag 4 – Dienstag, 25.9.2012
St-Romain-le-Puy • La-Chapelle-en-Lafaye, 25,6 km
7:24 h | 1.247 Hm | 3,5 km/h
Gesamtstrecke seit Start:    119 km

Angekommen. Gite comunal, bei Jean-Claude Jolly. Kräftig bergan. Und tüchtige Unter­stützung einer Rentnergang. Das alles und mehr. Weiß man am Anfang eines Tages schon was einen erwartet? Beim Pilgern interessiert mich, wie weit werde ich am heutigen Tag kommen. Und schon schließt sich eine weitere Frage an: Wann eigentlich beginnt der Tag?

Bekanntlich gab es gestern kein Bett und keine Dusche für mich. Der gesamte Ort schlief bereits als ich eintraf. Und jene Vereinzelten, die noch wach waren, wollten mit dem einlaufenden Straßenvagabunden besser nichts zu tun haben. Also blieb mir nur das Zelt. Direkt auf dem Grün neben dem Hauptportal der Kirche im Zentrum.

Die Nacht war ruhig. Ich hatte einen guten Platz im rela­ti­ven Wind­schat­ten aus­ge­wählt. Richtig gemacht!

Ich erinnere mich daran, mindestens gegen ein Uhr und gegen vier Uhr von Geräuschen wach geworden zu sein. Nun zurück zu meiner Frage. Wann beginnt der Tag? Mit dem ersten Aufwachen nach Mitternacht? Oder mit dem Aufstehen gegen 6:15 Uhr?

So verschlafen wie sich der Ort gestern Abend zeigte, so wurde gegen Morgen ein Lemming nach dem anderen wach, um dann geräuschvoll den Weg zur Arbeit oder doch erst einmal zum Bäcker zu beginnen.

Sachen packen. Alles trocken. Was hab ich doch heute ein Glück. Sogar eine öffentliche Toilette neben der Kirche lädt zum Pinkeln ein. Toll wäre natürlich gewesen, wenn die ultramoderne Technik mit Bewegungsmelder auch aus dem Seifenspender Seife und aus dem Wasserhahn Wasser abgegeben hätten. Nun ja. Wer sagt schon, dass der Tag perfekt beginnen soll.

Kalte Orangina und Fertig-Toast von Lidl. Mein Frühstück. Zwei Fotos gemacht. Schnell noch festgestellt, dass  eine super moderne Kamera, vermutlich sogar nachtsicht-tauglich, direkt über meinem Zeltplatz am Kirchtum angebracht war. Pastor und Gemeinde werden für Jahre etwas zu erzählen haben. Vielleicht aber wird in einigen Jahrzehnten auch eine Geschichte draus. Wie in Spanien von dem Jungen und dem Hahn.

Ändern kann ich das jetzt eh nicht mehr. Also kann es los gehen.

Mensch. Die Lemminge hier sind mit Sonnenaufgang sehr geschäftig. Im Ort komme ich an zwei Bäckereien vorbei. Kinder werden in der Grundschule an der Eingangtüre einzeln und persönlich empfangen. Ein Maler steht bereits mit Farbtopf und Pinsel auf der Leiter. In der offenen Garage der Renault-Werkstatt wird fleißig geschraubt. Es gibt sogar einen Supermarkt. Ich überlege kurz, um dann zufrieden festzustellen: ich brauch jetzt nichts. Nicht mal gekühlten Orangensaft.

Ein  Bahnübergang. Als ich kurz darauf Fotos von den ein- und aus­fah­ren­den Regional­zügen der Linie RhôneAlpes-Express schieße, stelle ich überrascht fest, dass mir eine Abkürzung per Bahn überhaupt nicht in den Sinn gekommen ist.

Es geht bergan. St-Georges-Haute-Ville. Irgend etwas sagt mir der Ortsname. Ja. Zum einen ist das der Ort, den ich gestern unmöglich erreichen konnte.  Und dann fällt es mir ein, hier laufen mein Weg, und der Jakobsweg aus Trier über Cluny zusammen weiter. Hier treffe ich also endlich andere Pilger. Von hier an wird es also voll auf dem Weg. Und richtig. Es sind zahllose junge Pilger mit meist kleinen Rucksäcken. Drängeln sich vor einem Schultor, um einzeln begrüßt und eingelassen zu werden. Ihre Begleitung: zufrieden dreinblickende Eltern. Es sieht ver­däch­tig nach Ein­schu­lung aus. Der Andrang an Fahrzeugen mit Kindern will nicht abreißen.

Eintrag und Fotos folgen.

Tag 4 – 25.9.2012, von St-Romain-le-Puy nach La-Chapelle-en-Lafaye

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