Herzlich Willkommen. Begleite mich für einige Tage auf dem französischen Jakobsweg von Lyon nach Le Puy-en-Velay.

Tag 7 – Freitag, 28.9.2012
von Usson-en-Forez nach Le Cros, 34,6 km
7:27 h | 824 Hm | 4,6 km/h
Gesamtstrecke seit Start:     167,1 km

 

Am Vorabend verläuft zwischen «Nicoin» und mir etwa folgendes Gespräch:

ich:
«Kennst Du eine Übernachtungsmöglichkeit,
welche nicht in meinem Buch steht?»

Antwort:
«Bis Pontempeyrat ist es ein schöner Weg für den morgigen Tag.»

Bis Pontempeyrat sind es nur 6 Kilometer. Auf dem Weg nach Le Cros ist keine Unterkunft in meinem Heft eingetragen. Also steht das morgige Ziel fest. Ob mir das noch Leid tun wird?  Bis Le Cros sind es lt. Buch 33 Kilometer.  Und das Buch hat bisher immer untertrieben.

Es ist ein Wenig wie ein Neuanfang, wenn man einen Tag ausgesetzt hat. Einen Tag hatte mich die „normale Welt“ wieder. Das Internet. Der Weg zurück auf den Weg fiel mir jedoch viel leichter als zuvor befürchtet. Eigentlich fiel es gar nicht. Smile. Nach dem Frühstück verarztete ich mit dem restlichen Tape meine Füße, packte die lange Hose und meine FlipFlops, welche ich beim Frühstück getragen hatte, in den Rucksack, ging nach unten und bezahlte Zimmer und Verpflegung. Ich hatte mich bei Nico und Familie derart wohl geführt, dass noch 20 Euro zusätzlich für die beiden Kinder drin waren.

Jetzt, als ich diesen Eintrag am Abend schreibe, bei weitem nicht so hervorragend gegessen habe wie in den zurück liegenden zwei Tagen, merke ich schon wieder den Rotwein in meinem Kopf. Die herrliche Schwere stellt sich ein. Kein Wunder. Den gesamten Tag über habe ich, von einigen wenigen Nüssen und genau fünf M&M’s kurz vor Schluss,  nichts gegessen. Getrunken habe ich  geschätzt ca. 0,2 ml zzgl. einer Dose 0,33 ml Fruchtsaft gleich am Vormittag. Dabei wäre es so leicht gewesen. Ich hätte nur irgendwann eine Pause machen, und den Rucksack abnehmen müssen. Wie Du Dir jetzt leicht denken kannst, genau das hatte ich nicht getan. Kein Wunder, dass bei dieser geringen Grundlage der Rotwein in den Kopf schießt.

Warum habe ich das auch gemacht? Ich weiß es nicht. Die knapp zwei Stunden im Stand, welche das Navi brav protokolliert hat, sind nicht wirklich Ruhezeiten gewesen, sondern die Zeit, in der ich im Wald immer wieder, überwältigt von deren Schönheit, Fotos von Pilzen gemacht hatte. Ich war also den gesamten Tag auf den Füßen.

Zurück zu den Erlebnissen auf dem Weg. Ist heute dort denn wirklich etwas passiert? In meinem Kopf mit Sicherheit. Den ganzen Tag über sind Gedanken gekommen. Sie sind  durchdacht. Und viele im Anschluss daran auch ebenso wieder, bedeutungslos, gegangen.

Was hat die Außenwelt denn heute so mit mir gemacht? Gleich zu Beginn des heutigen Weges verlor ich, in Gedanken versunken, den richtigen Weg. Ich hätte zurück gehen und den Weg «korrigieren» können. Und was mache ich? Ich erlebte mich, und das zu meiner eigenen Überraschung, wie ich in einem französischen Dorf, auf dem Lande, auf einen älteren Herrn zugehe und auf französisch nach dem richtigen Weg frage. Nein. Natürlich klappt das nicht grammatikalisch korrekt. Ich spreche die Sprache doch gar nicht. Es kommt aber so etwas über meine Lippen, wie: «Chemin St-Jacques de Compostelle?». Die Antwort kommt prompt. Und auf Französisch.

Bisher hatte ich immer sofort deutlich gemacht, dass ich Sprache, und damit auch die Antwort nicht verstehen würde, in dem ich gleich fragte, ob mein Gegenüber Englisch spreche. Dieses Mal tat ich das nicht. Seelenruhig höre ich mir die Antwort an. Und zu meiner Verwunderung, ich glaube verstanden zu haben. «Sie haben oberhalb des Dorfes, als es so steil bergauf ging, den Abzweig nach Links verpasst. Ist nicht so schlimm. Sie brauchen nicht wieder zurück. Gehen Sie einfach dieser Teerstrasse bis zum Hof von Bauer Bertreuve weiter, dann rechts am Hof vorbei. Und wenn die Weggabelung kommt, dann nach Rechts. Das ist der Original Jakobsweg, welchen Sie  vor dem Dorf verpasst haben. Der kommt von Links und geht rechts bergan. Weiterhin einen guten Weg

Toll, was ich heute alles verstanden habe. Und letztendlich doch nur weil ich einfach mal meine Klappe gehalten habe. Schon erstaun­lich. Oder?

Nur mal kurz angemerkt, ich sitze noch immer mit Brot, Käse und Rotwein (und Mineralwasser) am Abendbrottisch. Brot ist noch ganz viel über. Käse und Rotwein sind aufgebraucht. Mein Kopf ist total schwer, wenn ich ihn bewege. Ich sollte jetzt zügig ins Bett kommen und diese Kopfschwere für eine gute Nacht nutzen. Oder was meinst Du?

Tagsüber habe ich keine weiteren Menschen getroffen. Vereinzelt sah ich die zurück gelassenen Autos der Pilz-Sammler. Pilze sah ich ganz viele, aber Menschen weit und breit, keine. Verfolgt fühlte ich mich dann aber von einer Reitergruppe.

Tag 7 – 28.9.2012, jetzt geht’s wieder los!

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