Herzlich Willkommen. Begleite mich für einige Tage auf dem französischen Jakobsweg von Lyon nach Le Puy-en-Velay.

Tag 9 – Sonntag, 30.9.2012
Retournac • Vorey-sur-Arzon, 23,9 km
1.091 Hm | 5:53 h | 4,1 km/h
Gesamtstrecke seit Start:     209,6 km

Es ist kalt, diesig und stark bewölkt. Aber es regnet nicht. An das französische Frühstück kann ich mich gewöhnen. Baguette, Butter, Marmelade, guten Frucht­saft und wahl­weise Tee oder Kaffee. Jetzt kann der Tag beginnen.

Und dann passiert mir beim Bezahlen eine Peinlichkeit. Ich frage die Wirtin ob Momo ihr Sohn sei. Sie versteht nicht gleich und ich wiederhole meine Frage. Sie zögert. Nein, Momo sei nicht ihr Sohn, sondern ihr Ehemann. Zack. Da stand ich jetzt voll im Fettnäpfchen. Ihre Gesichtszüge lassen keinen Rückschluss zu. Ist sie peinlich berührt? Vielleicht kennt sie diese Situation zur Genüge? Sie teilt mir mit, sie seien altersmäßig zehn Jahre auseinander. Gerettet. Ich frage nach seinem Alter. Sie schreibt auf Papier 42, und direkt darunter eine 52. Jaja. Ich hab’s verstanden! Zehn Jahre Differenz. Jetzt rette ich die Situation vielleicht doch noch. «Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Ich hatte Momo auf höchstens 30 geschätzt!». Sie nickt lächelnd. Nee, den hat sie mir nicht abgekauft. Aber sie ist wirklich gut. Sie lässt sich nichts anmerken.

Der Blick aus meinem Fenster lässt mich dann doch zögern. Man kann ja auch noch einige Fotos machen. Hauptsache nicht raus in die Kälte. Als ich dann starte ist es 11 Uhr. Ich komme nochmals am Hotel mit dem Namen Saint Jacques vorbei. Ob ich hier einen pilger-gerechten Stempel be­kom­men hätte? Ich werde es nicht erfahren.

Schon auf der anderen Seite der Loire darf ich feststellen, den Weg zu finden wird heute nicht immer leicht sein. Da erwartet der Muschelkleber *) wohl aktives Mitdenken. Lässt er doch einfach an Wegkreuzungen mal die Markierung weg. Wird sich schon alles finden. Glück gehört eben auch dazu.
*) Muschelkleber = der für die Wegmarkierung Zuständige

Schnell gewinne ich an Höhe. Je höher ich komme, um so besser werden die Ausblicke. Trotz wolkenverhangenen Himmels. Dann wird es richtig eigen. Ich muss abnehmen. Das ist mir schon klar. Aber diesen Weg von knapp 50 cm Breite, abzüglich Überhang von Brennessel und Brombeeren, mitten drin hat Regenwasser noch eine mindestens zwanzig cm tiefe Rinne geschaffen. Das würde auch nach dem Abnehmen nicht passen. Netter Versuch.

Dann wird der Muschelkleber um die Mittagsstunden richtig närrisch. Es soll schließlich keine Langeweile aufkommen. Das muss der Grund sein. Warum sonst hätte er vereinzelt, aber an strategisch entscheidenden Stellen die Muscheln verkehrt herum kleben sollen? Ich höre meine Frau sagen: «Umwege erhöhen die Ortskenntnis.». Nun denn. Im Ganzen habe ich noch Glück gehabt. Es hätte schlimmer werden können. Und es kam Schlimmer.

Es dauerte nur eine gute Stunde Wegmarsch. Hier hatten die Kumpels vom Muschelkleber zugeschlagen. Bei der Kennzeichnung des Wanderweges GR3 legten die gleich erst einmal eine Endlos-Schleife. Auf ca. einen halben Kilometer führte der Weg im Kreis. Wollte man also nicht zwanghaft den Weg zurück gehen den man zuvor gekommen war, so kam man nach rund 500 Metern wieder an der selben Stelle raus. Ein Teufelskreislauf.

Aber der Kleber und die Markierer hatten Hilfe geschickt. Den Mann mit der knallroten Wetterjacke. Schon vor kurzem hatte ich diese rote Jacke auf einer Wiese hinter einer Hecke verschwinden sehen. Ich fragte nach dem Jakobsweg. Die rote Jacke sprach fließend englisch. Der Jakobsweg verlaufe seiner Ansicht nach auf der anderen Flußseite. Und sogleich wollte er mir den Weg dorthin zeigen. Ich konnte ihn bremsen. Ich wusste, es gibt eine Wegvariante, der hier entsprechend dem Wanderweg GR3 verläuft. Auf dieser Flußseite. Er räumte sofort ein, dass die Wegmarkierung des GR3 insbesondere an dieser Stelle, sagen wir mal, sub-optimal sei. Schnell entwickelte sich ein Gespräch mit Karten und Pilgerführer. Er wusste anzumerken, dass der GR3 in dieser Region gleich dreimal vertreten sei. Niemand blicke da durch. Die Lösung hatte er dann auch. Er bringe mich schnell auf den richtigen Weg. Also los.

Jetzt gab es keinerlei Markierung mehr. War er in Wirklichkeit vielleicht einer der Markierer? Dann hatte ich mich völlig in ihre Hand begeben. Es geht bergauf.

Nur mal kurz angemerkt. Er war deutlich sportlicher und leichter als ich. Und einen mehr als 13 kg schweren Rucksack hatte er auch nicht zu tragen. Über­raschen­derweise hatte nicht nur er mir etwas zu erzählen, auch ich konnte noch zusammenhängende Sätze formulieren, während ich hinter ihm bergauf schnaufte. Meine Anmerkung, das wäre nicht ganz mein Tempo, erwiderte er, er bringe mich nur eben bis oben. Bergab wäre ich dann schon wieder auf dem Weg. Ja super.

Während wir dieses Gespräch führten, also ich hinter ihm den Berg erklomm, fiel mein Blick auf seine Schuhe. Speed-HikingSchuhe. Na super. Ich hatte mich vor Kurzem mal dafür interessiert. Eine Anschaffung dann aber verworfen. Zum einen sind sie für Lasten*) nicht geeignet, zum anderen sind sie in erster Linie etwas für Sportler in unwegsamen Ge­län­de.
*) Bei Lasten habe ich hier eher an das Gewicht des Rucksackes, nicht an das meiner Person gedacht.

Oben angekommen gab es einen phänomenalen Ausblick auf die Berglandschaft des Massiv Central. Und die rote Jacke hielt Wort. Wir verabschiedeten uns und er verschwand. Ich hatte die Wegmarkierung wieder. Ein Blick auf das GPS. Obwohl ich bereits einen halben Tag unterwegs gewesen war, hatte diese kurze Aktion meine Geschwindigkeit im Tagesdurchschnitt um 0,1 km/h angehoben. Vielleicht sollte ich doch solche Schuhe anschaffen?

Ab jetzt ging es erst einmal lange Zeit bergab. Vorerst konnte ich mich aber am Weitblick nicht satt sehen. Nachdem ich alles in Bildern für die Nachwelt fest gehalten, sogar ein 360-Grad-Video gefertigt hatte, konnte es bergab gehen.

Du kennst diese herrlichen Wanderwege? Unter­grund aus fei­nem Splitt, be­deckt mit wei­chem, federn­den Wald­bo­den? Ich liebe die­se Wege. Jeder liebt sie. Schön an­ge­nehm zu Gehen. Und klar ist doch, was kom­men muss­te? Oder? Kilo­me­ter­weise berg­ab auf gro­bem Schot­ter und ge­wach­se­nen Fels. Nach ei­ner Drei­vier­tel­stun­de war ich im Loire­tal wie­der an­ge­kom­men. Danke. Saint Jacques.

Zwischen Loire-Auen und Bahnlinie führte der weitete Weg ohne große Beson­der­heiten. Abgesehen von einem kurzen Auftritt unseres Freundes, dem Muschelkleber. Ohne Bedeutung. Schließlich befand ich mich ja auch schon auf der Zielgeraden. Und dann schlugen die Geschwister von Kleber und Markierern zu. Da muss ich nochmal zum besseren Verständnis ausholen.

Ich befinde mich in den Loire-Auen. Ein weitgehend natürlich belassener Abschnitt. Ein schmaler Pfad. Rechts eingegrenzt durch die höher gelegene Bahnlinie. Der Pfad ausreichend breit für einen Fußgänger, vielleicht einen Motorradfahrer. Kein Platz für Quad, geschweige denn ein Auto. Und was machen die Geschwister von Kleber und Markierern? Sie stellen ordendlich drei Warnbaken jeweils im Abstand von 80 Metern als Hinweis auf den bevorstehenden Gleisübergang auf. Zu allem Überdruss auch noch einen Poller mitten auf den Pfad, der eine Durchfahrt gänzlich verhindert. Ein ordentlicher Schilderwald für einen Fußweg. Das wäre in Deutschland etwas für die Steuer-Verschwender-Liste. Und da sag‘  jemand, den Franzosen fehle es an Humor. Das kann man wohl wirklich nicht sagen.

Schon kurz darauf. Ich bin gut untergekommen. Ordentlich, sauber und eine überaus freundliche Bedienung vorgefunden. Es gibt auf dem Zimmer sogar einen „iJoy“. Einen blauen Massage-Sessel. Leider hören die Programme schon nach wenigen Sekunden auf. Man kann nicht alles haben. Gute Nacht.

Tag 9 – 30.9.2012, von Retournac nach Vorey-sur-Arzon

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