Herzlich Willkommen. Begleite mich für einige Tage auf dem französischen Jakobsweg von Lyon nach Le Puy-en-Velay.

P1050636.jpgTag 12 – Dienstag, 2.10.2012
Flug von Lyon nach Amsterdam
Flughafen Lyon

 

 

Wer eine Reise tut, der kann was erleben, pflegt mein Vater immer zu sagen. Wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen, wussten seit jeher die Geschichtenerzähler.

«Liebe Kinder. Jetzt einmal scharf aufgepasst. Was darf der Flugreisende nicht mit ins Flugzeug nehmen ?».  Wollen wir mal kurz überlegen.

Richtig. Keine Waffen. Kein Sprengstoff. Und ja, auch Scheren und Messer zählen hier­bei zu den Waffen. Ja, Ihr Kinder wisst das. Die freundliche Endfünfzigerin in der Ab­fer­ti­gungs­schlange direkt vor mir offensichtlich nicht.

Bei der Abfertigung stehe ich hinter ihr. Sie mag Ende fünfzig sein. Geschäftsfrau oder Ehefrau. Mit einer selbstverständlichen Ausstrahlung, die der Welt sagt, ich brauche Euch nichts mehr zu beweisen. In sich ruhend. Zurückhaltend. Typ Großmutter.  So wie sie sich jeder wünscht.

Sie schaut mich an. Lächelt freundlich. Dann legt Sie Halstuch und blau-graue Tasche zum Durchleuchten in die erste Schale auf dem Förderband. Zieht den Gürtel aus der Hose. In eine zweite legt Sie Jacke und Gürtel. Souverän öffnet sie ihr Bord-Gepäck und legt ein Notebook in eine dritte Box. Koffer zu. Aufs Band.

Auf der anderen Seite der Kontrolle müht sich ein Mann mit elegantem Nadel­strei­fen­anzug sein rechtes Bein hoch, und seinen dazu gehörenden Fuß auf die Edel­stahl­ablage zu stellen. Er musste bei der Kontrolle seine Lederschuhe ausziehen. Reist in Socken. Bei der Kontrolle zuhause hingegen hatte seine Ehefrau nicht aufgepasst, als er sich zu schwarzem  Anzug und schwarzen  Lederschühchen seine braunen  Lieblings­socken einpackte. Das sagt ihm niemand. Aber es sieht unmöglich aus.

Die Boxen der liebevollen Großmutter kommen jetzt eine nach der anderen auf dem Band an. Zum Glück können sie sich nicht auftürmen oder vom Band stürzen. Sie möge bitte die Handtasche öffnen. Jetzt scheint sie nicht zu wissen, was sie zuerst tun soll. Sie wirkt etwas hektisch. Dann fördert der inzwischen dienstlich dreinschauende Zollbeamte mehrere Kunststoff-Fläschchen mit verschieden-farbigen Flüssigkeiten zutage. Keine Worte. Es ist wie im Film. Die Gespräche verstummen. Alle Gesichter sind auf diese Szenerie gerichtet. Der Zollbeamte hat die blau-graue Tasche genau im Blick. Führt seine Hand zu einem weiteren, innen liegenden Reißverschluss. Das Geräusch beim Öffnen scheint die angrenzende Wartehalle zu erfüllen. Niemand bewegt sich. Der Flughafen hält die Luft an. Wie in Zeitlupe zieht der Uniformierte eine lange Papierschere aus der Handtasche. Hält sie ihr fragend hin. Sie zuckt mit den Schultern. Ihr unschuldig wirkender Gesichtsausdruck vermittelt Unverständnis. Was habe ich falsch gemacht?

Nun, jetzt könnte man glauben, Paola  oder der alte Felix  springen aus der Dekoration. Eine neue Aufzeichnung für «Verstehen Sie Spaß?». Ja, mach ich. Aber nichts der­glei­chen passiert.

Natürlich war die gesamte Situation von mir etwas übertrieben dar gestellt. Aber bitte sag mir, was bewegt eine Dame, farbige Flüssigkeiten in Kunststoff-Fläschchen und eine 25 cm lange Papierschere mit in einen Flieger nehmen zu wollen? Mir fällt dazu nichts Gescheites ein. Dir?

Fliegen ist spaßig.

Tag 12 – 3.10.2012, Rückflug vom Flughafen Lyon

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