Wer auf dem Jakobsweg die letzten 100 Kilometer bis «Santiago» zu Fuß  – oder die letz­ten 200 Ki­lo­me­ter per Rad, mit Pferd oder Esel zu­rück­legt – kann sich mit dem ent­spre­chen­den Nach­weis im Pil­ger­büro in «San­ti­ago de Com­pos­tela» ei­ne Ur­kun­den aus­stel­len las­sen, die «Com­pos­tela». Als Nach­weis sam­melt der Pil­ger auf dem Weg in sei­nem Pil­ger­pass, dem «Cre­den­cial de Pere­gri­no», Stem­pel mit ent­spre­chen­der Da­tum­an­ga­be. Die­se er­hält er in Gast­stät­ten, Un­ter­künf­ten und bei den Frem­den­ver­kehrs­äm­tern, dem «Ofi­ci­na de Turis­mo», be­vor­zugt aber von Kir­chen und Klös­tern.

3.000 Kilometer und kein bischen weise.?

«Sarria» ist der Startpunkt für viele Pilger. Kurz nach dem Ort be­gin­nen die letz­ten 100 Ki­lo­­me­­ter bis «San­tia­go». Zu die­ser Jah­res­zeit und bei die­sem Wet­ter ha­ben wir nicht mit der­art vie­len Pil­gern ge­rech­net. Jetzt star­ten wir mit zahl­rei­chen an­de­ren in ei­ner regel­rech­ten «Pil­ger-Kara­wane».Manche Pilger sehen recht witzig aus. Eine «Korea­ne­rin» bei­spiels­wei­se star­tet in Mini­kleid und mit Flip-Flops (Foto folgt). Ei­ne «ame­ri­ka­ni­sche Rent­ne­rin» ist in Halb­schuh­en, Drei­vier­tel-Gym­nas­tik­ho­se und Per­lon­strüm­pfen un­ter­wegs. Ei­nen Ruck­sack trägt sie nicht, aber um den Hals ei­ne gro­ße Ja­kobs­mu­schel mit ro­tem Temp­ler­kreuz. Die­se er­in­nert ein klein we­nig an eine Kuh­glo­cke. Drei «jun­ge Ita­lie­nerIn» tän­zeln über den Weg. Die Mu­sik ih­res Han­dys über­tönt nur ge­ringfü­gig ih­re laut­star­ke Un­ter­hal­tung.

Das scheint nicht unser Weg zu sein

Wollen wir etwas anderes?
Ja. Mehr Ruhe.

Un­ser Ge­dan­ke: «Jetzt die nächs­te Bar an­steu­ern und den er­s­ten Schwung ab­­war­­ten?   oder:  Knie-Gas ge­ben und vor den Pulk ge­ra­ten?»

Das alles erledigt sich von selbst. Martin vermisst sei­ne Müt­ze und kehrt noch ein­mal um. Zu­rück nach «Sarria». Christa geht lang­sam weiter. Wenn Leute bewundernd und verblüfft über unseren lan­gen Weg sind, dann sa­gen wir im­mer, dass «wir nichts an­de­res tun als sie – wir set­zen ei­nen Fuß vor den an­de­ren» – eben nur schon viel länger.

Pilger-Anfänger

Unterscheiden wir uns von jenen, die ihre ersten Schritte auf dem Jakobsweg gehen?

•   Diese Anfänger :    „ Total unpassend gekleidet.
Christa trägt ihre neu erstandene Regenhose. Nach zwölf Kilo­me­tern zieht sie sie wie­der aus. Ge­reg­net hat es nicht. Die Ho­se da­run­ter ist den­noch bis auf die Haut nass. Auch das flat­tern­de Re­gen­cape wan­dert zu­rück in den Ruck­sack.

•   Diese Anfänger :   „ Mit ihren Wan­der­stö­cken sto­chern sie ziel­los und ge­räusch­voll in der Ge­gend herum.
Neuerdings benutzt Christa wieder ihre Wanderstöcke. Den rich­ti­gen Rhyth­mus hat sie noch nicht gefunden.

•   Diese Anfänger :   „ Schlecht organi­sier­te Ruck­säcke. Schon nach we­ni­gen Ki­lo­me­tern fan­gen sie an in ih­ren Hab­se­lig­kei­ten zu kramen. “
Nach zirka drei Kilometern stellt Martin heute fest, dass sei­ne heiß­ge­lieb­te Müt­ze fehlt. Vor­sichts­hal­ber packt er sei­nen Ruck­sack auf dem Weg aus und durch­sucht seine Sachen.

Dieser Morgen zeigt, wie wahr es ist. Von au­ßen be­trach­tet tun wir nichts an­de­res, un­ter­schei­den uns über­haupt nicht von «Kurz­pil­gern» an ih­rem ers­ten Tag.

Und es gibt ihn doch – den kleinen Unterschied

Wo ist er?  Wir haben morgens die Ruhe weg. Starten spät, im Wis­sen wel­che Weg­stre­cke wir uns für den be­vor­steh­en­den Tag zu­mu­ten kön­nen. Wir ha­ben auf die­ser lan­gen Rei­se ggf. mehr Ge­päck, tra­gen die­ses aber auch selbst­ver­ständ­lich selbst. Mus­kel­ka­ter und an­de­re kör­per­li­che Lei­den ken­nen wir schon län­ger nicht mehr. Ei­ne Bla­se am Fuß oder kör­per­li­che Rück­mel­dun­gen wis­sen wir zu deu­ten und ein­zu­schät­zen, wer­den gar nicht the­ma­­ti­­siert. Mit­pil­ger «Pierre» merkt an, dass wir uns als «Lang­zeit­pil­ger» und «Wie­der­keh­rer» von den «Erst­pil­gern» da­rin un­ter­schei­den, dass wir nicht an je­dem gel­ben Pfeil steh­en blei­ben um ein Foto zu machen.

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Wir glauben, dass der Unterschied in der Er­fah­rung und der Übung liegt. Un­er­war­te­tes bringt uns nicht aus der Ruhe. Wir ha­ben er­fah­ren, dass es im­mer ei­ne Lö­sung gibt. Es geht im­mer wei­ter.  «Don’t be afraid! » Ein wert­vol­les Wis­sen und gu­tes Ge­fühl, das wir mit in un­se­ren All­tag nehmen.

Um eines sind die Erstpilger ein klein wenig zu be­nei­den – sie stau­nen und freu­en sich über je­den neu­en Ein­druck, die neu­en Er­fah­run­gen … die für uns viel­leicht schon so zur Selbst­ver­ständ­lich­keit ge­wor­den sind.

Irgendwo im Nirgendwo sitzen wir in einer kleinen Bar. Es ist ein mun­te­res Kom­men und Ge­hen von Pil­gern. Wir ge­nie­ßen das Trei­ben und ihre auf­ge­reg­te und fröh­li­che Stim­mung

…   und las­sen uns gerne an­stecken.

 
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Die letzten 100 Kilometer

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