Einst war Pilgern eine reli­giöse Pflicht. Heute ist es vielen ein Vergnü­gen – man­chen gar ein Akt der Selbst­­dar­­stel­­lung. Auf dem Jakobs­­weg lässt sich die Pil­ger­­schaft in zwei Klas­sen ein­teilen.

Nicht jeder Jakobspilger ist gleich. Vielleicht vor Gott, aber das zählt in die­sem Fall nicht. Viel­mehr lässt sich die Pilger­schaft des Jakobs­weges in zwei Klassen ein­teilen – in die Hard­core- und die Weichei-Pilger. Eine Erkennt­nis, zu der jeder kommt, der einmal zwei Wochen oder Monate lang schweiß­ge­badet im Zeichen der Jakobs­muschel gewan­dert ist und Sarria erreicht.

In diesem Ort ist die Weichei-Quote beson­ders hoch, denn Sarria liegt genau 113,9 Kilo­meter ent­­fernt von der End­station des Pilger­wegs, San­tiago de Com­po­stela. Eine Distanz, die erstens ohne allzu große Anstren­gung zu schaf­fen ist. Zwei­tens muss ein echter Pilger min­des­tens 100 Kilo­meter gelau­fen sein, um am Ende in San­tiago eine Urkun­de, die soge­nannte Compostela, ausgestellt zu bekommen.

Das wissen auch die Reiseveran­stalter, sie karren die Catwalk-Pilger des­halb scharen­weise zu den letz­ten Teil­strecken des Jakobs­weges. Nicht nur das: Sie brin­gen auch deren Louis-Vuit­ton-Koffer von Unter­kunft zu Unterkunft.

Ein typisches Exemplar ist zum Beispiel jene Spanierin, die mit Kroko­dil­leder­ruck­sack und frisch geschmin­kten Lippen in Sarria aus dem Bus steigt und mit Balle­rinas los­mar­schiert, gefolgt von ähn­lich gestyl­ten Mit­men­schen. Sie las­sen das gute „Wir sind Jakobs­­weg“-Ge­fühl, das „normale“ Pilger in klo­bigen Wan­der­stie­feln eint, zwischen­zeit­lich auf ein Tief ab­sin­ken. Zumal die gestyl­ten Spanier nicht die Einzi­gen sind, auch elegante Fran­zosen und Ital­iener in Wild­leder­schuhen und Stepp­jacke mit Pelz­besatz sind kurz hinter Sarria in Kom­panie­stärke unterwegs.

Was Hardcore-Pilger zum Lachen bringt

Doch selbst auf den letzten Etappen des Pfades gibt es noch ruhige, Catwalk-Pil­ger-freie Weg­ab­schnit­te, die an Eukalyp­tus­bäumen vorbei und durch grüne Wälder hin­durch­führen. An solch lau­schi­gen Stel­len trifft man verstärkt auf Hardcore-Pilger.

Die halten nichts von Designer­outfits, son­dern tragen meist gedeckte Far­ben, wan­dern mit Schlapp­hut, aus­zieh­baren Stöcken und haben einen großen Trekking-Ruck­sack auf dem Rücken. Und sie sind völlig unge­schminkt. „Sich auf das Wesent­liche konzen­trieren“, lautet ihr Motto.

25 Kilometer am Tag legt der durch­schnitt­liche Jakobs­pilger zu Fuß zurück, bei Wind und Wetter, Sonne und Regen, bergauf und bergab. Für jene, die schon an der fran­zö­sisch-spani­schen Grenze gestar­tet sind und 800 Kilo­meter zurück­gelegt haben, kann das ganz schön anstrengend sein.

Da werden dann auch die kleinen Dinge am Weges­rand zum auf­mun­ternden High­light, seien es Frosch­kon­zerte, Kuckucks­rufe oder klap­pern­de Störche. Und wenn dann ein Schäfer aus der Ferne winkt und am Orts­ein­gang eines Dorfes ein älterer Spanier gratis Obst verteilt, lachen auch ange­strengte Hard­core-Pilger nur noch über die „paar“ Kilo­meter am Tag und die auf­gebrezelten Möchtegern-Pilger.

Viele traurige Geschichten

In einem Punkt allerdings sind Softies und Power­walker gleich: Sie alle sam­meln Stempel­ein­träge, sei es in Kir­chen, in Restau­rants oder in den Her­bergen am Weges­rand. Mindes­tens ein Stempel pro Tag gehört in den Pil­ger­ausweis, auf den letzten 100 Kilo­metern müssen es gar zwei pro Tag sein. So will es die Vor­schrift.

Und ob Kurz­strecken­pilger oder nicht – alle wan­dern am liebs­ten auf dem Camino Francés, dem klassi­schen und berühm­testen von meh­reren Jakobs­wegen. Hardcore-Pilger begin­nen ihre Reise oft am öst­lichen Anfang des Camino Francés, an den Pyre­näen­pässen von Somport in Frank­reich, rund 850 Kilo­meter von Santiago de Compostela entfernt.

 

Wer keine Zeit hat, anderthalb Monate auf Wander­schaft zu gehen, stößt etwas später dazu, etwa in León oder Ponferrada. Keines­falls aber erst in Sarria, wie die Weichei-Trecker.
Das Eisen­kreuz ist eines der Symbole des Camino. Das Kreuz steht einsam in den Montes de León und ist knapp 200 Kilo­meter vom Ziel­ort Santiago entfernt – zu weit für die Catwalk-Pilger. Und so sind die Hard­core-Pilger, von denen viele auf diesem Strecken­abschnitt ihre Sorgen in Form von Steinen ablegen, weitgehend unter sich.

Könnten die Sorgensteine reden, die vorbei­lau­fenden Wande­rer würden viele trau­rige Geschich­ten hören. Etwa von der deut­schen Frau, die ihre Brust­krebs­erkran­kung auf dem Jakobs­weg ein für alle­mal hinter sich las­sen will. Oder von der Britin, die ihren Ex-Freund sym­bo­lisch zusam­men mit dem Stein auf dem Schutt­haufen der Geschichte ablegt. Manch ein Pilger wirft seinen geistigen Ballast auch ganz all­mählich ab, irgend­wo auf dem Camino zwi­schen Feldern, Wiesen, Weinbergen, und Wäldern.

Es scheint zu helfen: „Meine chronischen Schulter­schmerzen sind seit dem Camino wie weg­ge­blasen“, sagt Manfred aus Karlsruhe. Er ist bereits seit einem Monat unterwegs und pilgert den Camino Francés in voller Länge. Nicht aus reli­giösen Gründen, das tun mittler­weile nur noch knapp 40 Prozent der Pilger, son­dern weil er sich mit 60 Jahren noch einmal an seine phy­sischen und mentalen Grenzen bringen will.

Blasen an den Füße, Probleme mit dem Handy

„Buen camino“ – einen „guten Weg“ – ruft ein älterer Dorf­be­wohner den Vorbei­ziehenden zu, ein Gruß, der auch unter den Pilgern Usus ist. Und viel­leicht steckt die Fas­zi­nation des Jakobs­weges ja genau in diesen zwei Worten und in dem Gemein­schafts­gefühl, für das sie stehen. Denn auf dem Camino hilft tradi­tionell jeder dem anderen, egal ob Hard­core- oder Weichei-Pilger.

Gemeinsam beseitigt man kleine und große Schwierig­keiten und Ärger­nisse, seien es Blasen an den Füßen oder Probleme mit dem Handy. Es dürfte vor allem dieser positive „Spirit“ sein, der die Massen für den Camino begeis­tert, allein im vergan­genen Jahr waren knapp 238.000 Menschen unterwegs.

Ein Gemeinschaftsgefühl stellt sich auch beim Abend­essen ein, dort sind alle Pilger mehr oder weniger gleich. Fast überall gibt es Drei­gän­ge­menüs für zehn Euro inklu­sive viel Wein.

Beim Übernachten gehen Hardcore-Pilger und Weich­eier aller­dings getrennte Wege. Während Letz­tere meist in kom­for­tablen Pen­sio­nen oder Hotels näch­tigen, schla­fen Hard­core-Pilger für fünf bis zehn Euro pro Nacht in den Mehr­bett­zim­mern der Pil­ger­her­bergen. Wäh­rend die Softies manch­mal zwei, drei Tage bleiben und sich aus­ruhen kön­nen, müs­sen die Herbergs­gäste nach einer Nacht weiter­ziehen. Das sieht die Hausordnung so vor.

Die Urkunde ist wichtiger als die Kathedrale

Auf den letzten 15 Kilometern vor Santiago de Com­postela kön­nen Hard­core- und Weichei-Pilger gar nicht anders, als gemein­sam zu wan­dern. Der Weg wird enger und führt unter hohen Euka­lyp­tus­bäumen hin­durch. Je näher man dem Stadt­kern kommt, umso mehr kommt Unruhe auf.

Stehen die Pilger dann endlich vor der Kathe­drale, haben sie meist nur einen kurzen Blick für das impo­sante Bau­werk übrig – auch darin sind sich Hard­core-Pilger und Weichei-Trecker einig. Die offi­zielle Bestä­tigung ist den meisten erst einmal wichtiger.

Das zuvor erlebte Gemein­schafts­gefühl kommt einigen an der End­station abhan­den. „Ich bin knapp 1.000 Kilo­meter von Sevilla die Via de la Plata bis hier­her gelau­fen“, beschwert sich ein Spanier am Ein­gang des Pil­ger­büros, „und nun muss ich eine Stunde lang für meine Compostela anstehen.“

Auch in den zahlreichen Souvenir­shops von Santiago teilt sich die Pil­ger­gesell­schaft erkenn­bar. Wäh­rend sich die meisten Hard­core-Pilger mit bil­ligen Plastik-Marias begnü­gen, ver­schwin­­den die teuren, hand­geschnitz­ten Jesus-Statuen vor allem in Louis-Vuitton-Taschen.

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Quelle:    Dieser Artikel von Sibylle Meyer-Bretschneider wurde
in der WELT veröffentlicht am 4. November 2015

Hardcore-Pilger und Weicheier auf dem Jakobsweg

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