Vom sinnstiftenden Nutzen einer vorgezogenen Midlife-Krise: Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ ist für das Kino verfilmt worden. Gelungen ist das erstaunlich gut.

Der Bestseller „Ich bin dann mal weg“ startet jetzt mit Devid Striesow als Hape Kerkeling in den Kinos.   (Foto:  Warner Bros. Deutschland)
Auf dem Jakobsweg geht’s nicht zu Shiva

Ein Wort reicht: ich. Gibt man das Pro­nomen erste Person Singular als Such­be­griff ein, ver­voll­ständigt Google mit – bin dann mal weg: Ich bin dann mal weg. Der Satz bleibt. Gehört zum Aller­welts-Kanon, seit unter diesem Titel 2006 ein Buch auf den Markt kam, des­sen Auflage so hoch ist, dass es auf die eine oder andere Mil­lion schon gar nicht mehr ankommt. Vier Milli­onen Exem­plare sind im Angebot, fünf, oder gar acht Milli­onen. Es reicht jeden­falls, um ein geflü­geltes Wort zu prägen, das nicht nur Algo­rith­men sofort in den Sinn kommt.

Dabei stand am Anfang nichts als die vor­ge­zo­gene Mid­life-Krise eines Unter­hal­tungs­künst­lers, der sich, wie er sagte, nur noch auf der Bühne aus­kann­te, aber nicht mehr im Leben. In sei­nem schon gar nicht: Hape Ker­ke­ling wusste nicht, wohin. Also pil­gerte er los und ging den Jakobs­weg, von Süd­frank­reich bis nach Santiago de Compo­stela. Um etwas über sich und seinen Glauben heraus­zu­bekom­men, viel­leicht Gott zu begeg­nen und sein Seelen­heil zu fin­den. Seine Sinn­suche war von Erfolg gekrönt, was sich nicht nur am Verkaufs­erfolg seines Buches und dem Umstand bemisst, dass die Zahl der Jakobs­pilger aus Deutsch­land seit dem Erschei­nen von „Ich bin dann mal weg“ messbar zuge­nom­men hat. Doch warum lesen das die Leute über­haupt und gehen jetzt – fast zehn Jahre später – in den Kinofilm?

Der Stationenweg droht ein quä­lender zu sein

In dem sehen wir einen übergewichtigen Ketten­raucher, der sich so verbis­sen im Hamster­rad abstram­pelt und so­lange vor sein Pub­li­kum tritt, bis es ihn umhaut. Verdacht auf Herz­infarkt mit Mitte dreißig, Tin­nitus, Gallen­kolik, Sende­pause. Er solle drei Monate lang nichts tun, rät ihm der Arzt. Nichts liegt Hape Kerke­ling ferner als zu entschleu­nigen. Allein mit sich – das erscheint als doch recht über­raschungs­arm, als Horror Vacui zum Anfas­sen und zum Davon­laufen, ergo: Last Exit Jakobsweg.

Auf dem ist im Kino Devid Striesow als Hape Kerke­ling unter­wegs und man denkt sich: Das kann nicht funk­tio­nieren.

Ein bekann­ter Schau­spie­ler stellt einen noch bekann­teren Enter­tainer dar und sagt bei der Intro­spektion per pedes fort­während die Kalen­der­sprüche und Binsen­weis­heiten auf, die Kerke­ling bei der Tour, die er vor nun­mehr fünf­zehn Jahren unter­nahm, in sei­nem Tage­buch notiert hat? Der Statio­nen­weg droht ein quä­len­der zu sein. Wird er aber erstaun­licher­weise nicht. Nach zehn Minuten hat Devid Striesow das Kunst­stück voll­bracht, jede Distanz zwi­schen ihm und der realen Person, die er spielt, auf­zu­heben und eine Kunst­figur zu erschaf­fen, deren Auf­tre­ten einem selbst­ver­ständ­lich erscheint. Die Regis­seurin Julia von Heinz muss ihn nur laufen lassen, bei Regen oder bei glei­ßen­der Sonne, durch eine Land­schaft, die der Kamera­mann Felix Poplawsky in üppi­gen Pano­ramen zur Geltung bringt.

Hier wird nicht gepredigt

Es war eine gute Entscheidung, dass sich Hape Kerke­ling nicht selbst spielt und bei dem Film nicht durch­regiert. Er ist Koautor, das Dreh­buch aber haben Jane Ainscough, Sandra Nettel­beck und Christoph Silber geschrie­ben. Wer sich ein wenig im Geschäft und mit Kerke­lings Habitus aus­kennt, kann sich an fünf Fingern abzäh­len, warum es so lange gedau­ert hat, bis aus dem Best­seller von 2006 ein Weih­nachts­film im Jahr 2015 wurde. Kerke­ling erzählt seine Geschich­te, gibt – zumal in seinem neuen Buch, in dem er vom Freitod seiner Mutter schreibt –, intimste Dinge preis. Zugleich vermag er die Geschich­ten und Schlag­zei­len, die das Unter­hal­tungs­geschäft, dem er ent­stammt, daraus macht und mit denen er rech­nen muss, kaum auszu­halten, wie er kürzlich erst im Inter­view mit dem „Spiegel“ bekannte.

Das kann man für Attitüde, Show und Selbst­ver­mark­tung inklu­sive Weh­klagen halten, man kann es aber auch beim Nenn­wert nehmen und die Zöger­lich­keit, mit der Kerke­ling in Wahr­heit unter­wegs ist, für sein Wesent­liches halten. Weder im Buch zieht er noch zieht im Film Devid Striesow eine große Show ab. Hier wird nicht gepre­digt, keine Marke profi­liert, kein Patent­rezept für ein bes­seres Leben posaunt und kein nervender eso­terisch-erleuch­tender Eiertanz à la „Eat Pray Love“ aufge­führt. Hier ist vielmehr jemand unter­wegs, der sich sein Seelen­heil sucht, sich dabei mit reich­lich Selbst­ironie über die Schulter schaut und notiert, was mit ihm geschieht. Mit ihm und mit denen, die ihm auf seinem Weg begeg­nen und denen er sich zurück­hal­tend, aber zugleich Anteil neh­mend nähert. Das sind in diesem Fall die auf leidende Figuren abon­nierte Martina Gedeck, die den Tod ihrer Toch­ter nicht verwin­den kann, und Karoline Schuch als besser­wis­se­rische Journa­listin, der es beson­ders schwer­fällt, zu irgend­einer Art von Erkennt­nis vor­zu­dringen. Stän­dige Beglei­terin im Kopf des Erzäh­lers ist frei­lich dessen Groß­mutter, die Katharina Thalbach spielt.

Probleme mit dem Bodenpersonal

In der Summe ist das alles nicht spek­ta­kulär, hängt an eini­gen Stellen und bis­wei­len unter­scheiden sich die Dialoge vom Duktus her nicht vom Text des Ich-Erzäh­lers aus dem Off, etwa wenn Devid Striesow als Hape Kerke­ling seine Ein­schät­zung zur kat­ho­lischen Kirche in so ziem­lich den gleichen Worten wie im Buch zum Besten gibt: „Gott ist für mich so eine Art hervor­ra­gender Film wie ,Ghandi’, mehr­fach preis­ge­krönt und groß­artig! Und die Amts­kirche ist ledig­lich das Dorf­kino, in dem das Meister­werk gezeigt wird. Die Pro­jek­tions­fläche für Gott. Die Lein­wand hängt leider schief, ist ver­gilbt und hat Löcher. Die Laut­spre­cher knistern, manch­mal fal­len sie ganz aus oder man muss sich irgend­welche nervigen Durch­sagen wäh­rend der Vorstel­lung anhören, wie etwa ,Der Fahrer mit dem amt­lichen Kenn­zeichen Rem­scheid SG 345 soll bitte seinen Wagen umset­zen.’ Man sitzt auf unbe­quemen, quiet­schen­den Holz­sit­zen und es wurde nicht mal sauber gemacht. Da sitzt einer vor einem und nimmt einem die Sicht, hier und da wird gequatscht und man bekommt ganze Hand­lungs­stränge gar nicht mehr mit. Die Vor­füh­rung ist mies, doch ändert sie nichts an der Größe des Films.“

Gott als Film – das ist im Kino eine allzu nahe­lie­gende Pointe. Vor allem, wenn wir gerade gesehen haben, wie Striesow alias Kerke­ling vor den Kaker­laken in der Pilger-Her­berge ins Hotel flüch­tet und die eine oder andere Etappe moto­ri­siert und nicht zu Fuß zurück­legt. Bei dem vermeint­lichen Gag wird frei­lich verges­sen, dass Kerke­ling sich eben nicht über die Kirche lustig macht mit einer Zuschrei­bung, die es an jedem Wasser­häus­chen für Fern­seh­kaba­ret­tisten für fünf­zig Cent und im Dut­zend des öffent­lich-recht­lichen Abend­pro­gramms noch bil­liger gibt. Er hat zwar seine Pro­bleme mit dem Boden­per­sonal, weiß aber, dass das gar nicht anders sein kann: „Gott ist der Film und die Kirche ist das Kino, in dem der Film läuft.“ Basta.

Zu Weihnachten waren diese Kinos, in denen dieser Film läuft, wieder so voll wie sonst im gan­zen Jahr nicht. In den an­de­ren Licht­spiel­häu­sern ist zu Heilig­abend ein Film über einen Mann ange­lau­fen, der in sei­nen vielen Verklei­dungen, sei es als Königin Beatrix, mit dem legen­dären „Hurz“-Lied oder als Lokal­re­porter Horst Schläm­mer beim Publi­kum eine der­ar­tige Präsenz ent­wickelt hat, dass es sich mit seiner per­sön­lichen Geschichte anfreun­den und in ihr wieder­finden kann.

Zu Beginn seiner Tour weiß Hape Kerkeling nicht einmal, wie er das höhere Wesen, dessen Exis­tenz ihm durch­aus frag­lich erscheint, nen­nen soll: „Gott, Jahwe, Shiva, Ganesha, Brahma, Zeus, Vishnu, Wotan, Manitu, Buddha, Allah, Krishna, Jehowa?“ Am Ende ist er davon über­zeugt, diesem Gott jeden Tag auf seiner Reise begeg­net zu sein. Damit scheint es ihm ernst. Als Possen­reißer hat sich Hape Kerke­ling inzwi­schen verab­schie­det. Wenn er jetzt on tour ist, mit „Ich bin dann mal weg“, dem Film, gibt er allen ein Vade­mecum mit, die den­ken, dass sich etwas ändern müsste. Wer will nicht mal raus und weg – zumin­dest für eine Fünf-Minu­ten-Pause? Es muss ja nicht unbe­dingt der Jakobs­weg sein. Auf dem war schließ­lich schon Hape Kerkeling.

The Making Of :  „Ich bin dann mal weg“  –  Start per Mausklick auf das Foto

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Quellen:   dieser Artikel von Michael Hanfeld wurde veröf­fent­licht in der FAZ am 28.12.2015. Der Film-Trailer stammt aus dem Hause Warner Bros. Deutsch­land. Vielen Dank. 

„Ich bin dann mal weg“ im Kino

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