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Im Zeichen der Jakobsmuschel

Seit dem Mittelalter pilgern Menschen nach Santiago de Compostela. Die spanische Pilger­route ist berühmt und wird immer beliebter. Was kaum bekannt ist: Ein Jakobsweg führt auch durch Bremen.

Pastor Henner Flügger mit der Statue des Heiligen Jakobus des Älteren im Bibelgarten des Bremer Doms. Der Apostel trägt Stab, Hut und Wasserflasche - die unerlässliche Ausrüstung eines Pilgers.  (Jonas Völpel)
Pastor Henner Flügger mit der Statue des Heiligen Jakobus des Älteren im Bibelgarten des Bremer Doms. Der Apostel trägt Stab, Hut und Wasserflasche – die unerlässliche Ausrüstung eines Pilgers.  (Foto: Jonas Völpel)

Der Aufkleber auf dem Pfahl der Straßenlaterne an der Wilhelm-Kaisen-Brücke ist schon etwas zerkratzt und schmutzig. Das unverkenn­bare Symbol der gelben Jakobs­muschel wirkt fehl am Platze zwischen Werbe­stickern und Gekritzel. Doch ein Fehler ist ausge­schlossen: Einige Meter weiter gibt es wieder einen Auf­kleber. Dieses Mal in Beglei­tung eines runden, blauen Stickers mit einem gelben Pfeil.

Die Markierungen des Jakobswegs in der Innenstadt sind leicht zu übersehen. Für die Eingeweih­ten weisen die Zeichen den kürzes­ten Weg nach Santiago de Compostela in Spanien – dem Pilgerort, an dem sich nach verbreiteter Meinung das Grab des Apostels Jakobus des Älteren befindet. Wie jedoch kamen die Zeichen an Later­nen­pfähle und Brücken­geländer in Bremen? Die Kirche war es jedenfalls nicht.

Pastor Henner Flügger von der St.-Petri-Dom­gemeinde bietet regel­mäßig Gruppen-Pilger­reisen nach Santiago de Compostela an. Die gelbe Muschel auf dunkelblauem Grund sei die offizielle Wegmar­kierung der Deutschen St. Jakobus-Gesell­schaft, erklärt er. Was es jedoch mit dem runden Aufkleber auf sich hat, kann er nicht sagen.

Aufschluss gibt eine Internetadresse, ganz klein am Rand des Stickers. Dahinter verbirgt sich ein Blog, das Internet­tagebuch des Bremers Martin Gottschewski. Dort dokumentiert er seine zahl­reichen Pilger­reisen. Seit einigen Jahren ist der 53-Jährige für die Ausschil­derung der Jakobswege im Großraum Bremen zuständig. Die sogenannte Via Baltica ist einer der Hauptwege der Jakobspilger in Nord­deutsch­land und führt von Usedom an der polnischen Grenze bis nach Bremen. Dort verläuft der Weg durch den Bürger­park, bis zum Dom und weiter am Ufer des Werder­sees hinaus aus der Stadt bis Osnabrück.

Martin Gottschewski - Jakobsweg (Foto: Christina Kuhaupt)
Martin Gottschewski – Jakobsweg   (Foto: Christina Kuhaupt)

Die Wegmarkierung werde organisiert durch Ehren­amt­liche des Freundes­kreises der Jakobs­wege in Nord­deutsch­land, erklärt Gottschewski. Gemeinsam mit einer Kollegin geht er als Wegwart mindes­tens zweimal im Jahr die Strecke von Horstedt über Bremen bis Wildes­hausen ab. Er prüft dabei vor allem, ob noch genügend Hinweise vorhan­den sind. Die Aufkleber fallen oft Säuberungs­aktionen der Stadt zum Opfer, und hoch­wer­tige Schilder würden oft verschwin­den, sagt Gottschewski. Sein Ziel: Pilger sollen den Jakobs­weg ganz ohne Reise­führer oder GPS finden können.

Das Kleben der Schilder ist eine kleine Wissen­schaft für sich. „Im Idealfall zeigt die Muschel den Weg“, erklärt der Wegwart. Seine Interpre­tation ist folgende: „Die Linien der Jakobs­muschel laufen in einem Punkt zusam­men, so wie die Jakobs­wege in Santiago.“ Also müsse der Knoten­punkt der Muschel in die Richtung weisen, in die der Pilger gehen soll. Da die Sticker aber oft so geklebt würden, dass der Schrift­zug „Pilgerweg“ zu lesen sei, habe er sich zusätz­lich das mit den gelben Pfeilen überlegt, sagt Gottschewski.

In den 1970er Jahren kam ein spanischer Pastor zum ersten Mal auf die Idee, den Jakobs­weg mit gelben Pfeilen auszu­schildern. „Im Mittelalter war der Jakobs­weg überhaupt nicht ausgeschil­dert“, weiß Martin Gottschewski. Damals folgten die Pilger den Handels­routen. Heute findet man vor allem in Spanien überall die gelben Pfeile, oft einfach mit Farbe auf Wände oder Bäume gemalt. Seine eigenen runden Aufkleber hat Gottschewski nicht nur in Deutsc­hland, sondern auch schon in Spanien und Frankreich verteilt. „Immer dann, wenn der Weg nicht genügend ausge­schildert ist, greife ich in die Brust­tasche und löse das Problem.“ Das Praktische: Die Internet­adresse führt nicht nur Journalis­ten, sondern auch Pilger auf den Weg zu ihm. Über Interesse freut sich der 53-Jährige: „Viele denken immer noch, zum Jakobs­pilgern müsste man nach Spanien gehen.“

Im Jahr 1987 rief der Europarat dazu auf, die histo­rischen Pilger­routen wieder zu beleben. Vor allem in den vergan­genen zehn Jahren wurden sie immer beliebter. Die Entwick­lung in Deutsch­land wurde dabei durch das Buch des Enter­tai­ners Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ befeuert. Die Beschrei­bung seiner Pilger­reise auf dem Camino Francés, dem bekann­testen der fünf Jakobs­wege in Spanien, wurde ein Best­seller und löste einen rich­tigen „Hype“ aus, sagt Pastor Henner Flügger. „Das Buch hat offensichtlich eine Sehnsucht in den Leuten wachgerufen.“

Die Aufkleber mit der Jakobsmuschel weisen überall den Weg durch die Stadt – so wie hier am Brückengeländer der Wilhelm-Kaisen-Brücke am Werdersee. (Foto: Jonas Völpel)
Die Aufkleber mit der Jakobsmuschel weisen überall den Weg durch die Stadt – so wie hier am Brückengeländer der Wilhelm-Kaisen-Brücke am Werdersee. (Foto: Jonas Völpel)

Im Mittelalter sei Bremen ein wichtiger Pilgerort gewesen, erklärt Flügger. Hier lagen die Reli­quien der Arzt-Heiligen Cosmas und Damian in einem goldenen Schrein, der heute der Münchener Michaels­kirche gehört. Zudem war Bremen ein Import­hafen für Bordeaux-Wein, weshalb eine gute Seever­bindung nach Frank­reich bestand, die Pilger nutzen konnten. Doch auch heute kommen regel­mäßig Pilger auf der Via Baltica durch die Stadt. Oft bitten sie bei der Dom­ge­meinde um Unter­kunft und einen Stempel in ihrem Pilger­ausweis. Einen solchen Credencial del Peregrino braucht jeder Pilger, um seinen Weg doku­men­tieren zu können und am Ende eine Pilger­urkunde zu erhalten.

Henner Flügger schätzt die Zahl der Pilger, die am Bremer Dom ankom­men, auf 1000 im Jahr. Da es in der Stadt keine zentrale Pilger­herberge gebe, sei es nicht möglich, genau den Überblick zu behalten. Gruppen können in einer Gästewoh­nung am Dom übernachten. Einzel­personen kommen oft in Hotels, Jugend­her­bergen oder bei Privat­personen unter. Der Freundes­kreis der Jakobs­wege in Nord­deutschland vermittele diesbe­züglich Kontakte, sagt Martin Gottschewski. Außerdem biete ein Ehepaar in Lilienthal eine Art private Pilger­herberge an.

Die Jakobspilger organisieren und helfen sich meist selbst. Wegwart Gottschewski begleitet manchmal Pilger auf dem Weg durch Bremen oder nimmt sie bei sich auf. Er und seine Frau halten zudem Vorträge für Interessierte. Damit es in Zukunft mehr Menschen wie sie gibt, bildet Pastor Flügger gerade 14 Personen zu Pilgerbegleitern aus. Zudem organisiert er eine „Pilgerklause“, einen Stammtisch, der immer zu Beginn und zum Ende der Pilgersaison im Lighthouse stattfindet. Gerade nach der Rückkehr gebe es bei Pilgern ein tiefes Bedürfnis, sich auszutauschen, sagt Flügger.

Nicht alle Pilger pilgern aus religiösen Gründen – jedenfalls nicht im Sinne von „kirchlich“: „Religion kommt von dem latei­nischen Wort religio, was Rückbin­dung bedeutet“, so Flügger. Die meisten Pilger würden sich auf etwas besinnen. „Viele pilgern, weil sie das Gefühl haben, dass sich etwas in ihrem Leben ändern muss.“ Es sei eine Suche nach neuen Zielen, aber auch oft ein Abschied von Verstor­benen, von Bezieh­ungen, von Lebens­träumen. „Manche können klar sagen, weshalb sie sich auf den Weg machen. Und mancher merkt erst unterwegs, dass er eine Frage mit im Gepäck hat, von der er gar nicht wusste.“ Für den Pastor ist das Pilgern ein guter Weg, zu sich selbst zu finden. Es seien die Begeg­nun­gen auf dem Weg und die Natur, die den beson­deren Reiz für ihn ausmachten. „Man ist ganz im Moment. Man plant nicht den übernäch­sten Schritt, sondern hat viel Zeit.“

Martin Gottschewski sagt von sich selbst, er sei nicht religiös unterwegs. Er sehe das Pilgern vielmehr als ungeahnte Chance für Freund­schaften, über Grenzen hinweg. Seit zwölf Jahren wandert er auf dem Jakobs­weg, oft gemein­sam mit seiner Frau. Sie war es auch, die ihn für das Pilgern begeis­terte, als die beiden sich kennen lernten. „Ich sagte, das interes­siert mich nicht, mit Rucksack zu laufen und nicht zu wissen, wo eine Toilette und mein Bett sind“, erinnert sich der 53-Jährige. Doch was tue man nicht alles, wenn man frisch verliebt ist. Das erste Mal habe ihm keinen Spaß gemacht, aber er führe Dinge gern zu Ende. Nach weiteren Reisen folgte 2013 der große Schritt: Martin Gottschewski und seine Frau nahmen sich sieben Monate Auszeit, verkauften ihre Wohnung und pilgerten von Bremen bis an die Nordwest­küste Spaniens. Und zwar auf die ursprüng­liche Weise, so wie im Mittel­alter: Direkt von der Haustür bis zur Kathedrale in Santiago de Compostela.

Eine Alternative: Der Mönchsweg. Der Jakobsweg ist nicht der einzige Pilger­weg im Bremer Umland: Ein langer Fahrrad­pil­gerweg, genannt Mönchsweg, führt vom St. Petri Dom in Bremen bis Puttgar­den an der däni­schen Grenze und weiter bis Roskilde. Die Route zeichnet die Ausbrei­tung des christlichen Glaubens nach.

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Quelle:    dieser Artikel von Alice Echtermann
wurde veröffentlicht im  WESER-KURIER  am 24.09.2016

Berühmter Pilgerweg führt durch Bremen: der Jakobsweg

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