Seit vielen Jahren bin ich mit Karola befreun­det. Heute hat Karola mir einen tollen Brief geschickt. Wer mit dem Gedan­ken spielt, sich auf den Jakobs­weg zu begeben, sich aber vielleicht damit noch etwas schwer tut – sollte diesen Brief unbedingt lesen. Viel Freude. Euer Fred.

Karola

Wie alles begann

« Lange schon hatte er mir davon vorge­schwärmt, der Freund. Wie toll das sei, so vor sich hin zu wandern. Die Aussichten! Und die vielen guten Begeg­nungen!  Guck mal – hier die schönen Bilder vom Camino.  Jaja, alles schön. Aber selbst laufen?  Ach nee …

Meine Bedenken:  Ich bin schon sooo alt (64)!  Ich bin ganz ungeübt!  Ich hab gar keine passende Ausstat­tung!  Und dann die Kosten!

Mein Freund ist ein guter Kaufmann – seine Argu­mente:  Ich habe Menschen auf dem Wegen getrof­fen, die sind deut­lich älter als du. Man kann mit wenigen Kilo­metern beginnen und sich gaaaaaaanz langsam steigern. Ich komme zu Dir und berate dich beim Einkauf. Es gibt einen Billig­flug – und die Pilger­unter­künfte sind auch gar nicht so teuer.  Und so geschah es.

Nach ein paar Mails hin und her hatte er mich weich geklopft. Einen Tag lang haben wir uns in Out­door-Läden umgetan, und letzt­end­lich hat mein Freund mich vor etlichen Fehlkäu­fen bewahrt. Dann gab es ein Probe­packen meines Ruck­sacks unter seinen fach­kun­digen Augen. Und immer wieder Fragen, bspw. wie:  Brauchst du das wirk­lich?  Ist Dir das wichtig?  Magst Du das tragen?   …  So, nun hast du deinen Ruck­sack auf dem Rücken. Wie kommst du an dein Regen­zeug?  Musst du dazu erst deinen Schlaf­sack raus­nehmen?  Wo stellst du deinen Ruck­sack ab, wenn der Boden nass und matschig ist?  …  Fragen über Fragen, die so langsam meinen Blick für die Realität schärften.

Es geht los

In der zweiten Novemberwoche 2016 ging es los. Etwas unwohl war mir schon, in Hamburg winter­liche Tempe­ra­turen – und ich fliege zum Wandern nach Porto. Auf dem Caminho Portugués entlang der Küste nord­wärts bis nach Vila do Conde und auf dem Caminho Central weiter nach Valenca. Wir hatten 7 Wander­tage zur Verfügung.

Den Weg beschreiben? Nein. Darüber gibt es genügend Bücher. Also versuche ich das zu erzählen, was mir wichtig erscheint und mich nach­haltig beein­druckt hat. Das Wetter machte keine Probleme. Mal etwas Niesel­regen, auch mal einen kräf­tigen Schauer, aber die guten Stunden waren deutlich in der Überzahl. Blauer Himmel und strah­lende Sonne waren oft unsere Wegbe­gleiter. Wie erwar­tet waren die Herbergen nur wenig belegt, teil­weise waren wir die einzigen Pilger. Die Herber­gen waren sauber und ohne Bean­stan­dungen. Das Pilger­essen war sehr lecker und preis­wert. Mein Körper machte ohne zu Murren mit. Ich hatte nicht eine einzige Blase.

Und plötzlich war es zu Ende?

Was mich erschreckte, das war der Rückweg von Valenca nach Porto. Mit dem Bus ging es so rasend schnell, dass meine Seele noch auf dem Hinweg war, aber mein Körper gezwun­ge­ner­maßen schon fast wieder in Porto.

Hatten wir wirklich 7 Wander­tage gebraucht für diese Strecke?

Aber guck doch mal, hier haben wir uns den …  ach, schon wieder vorbei. Und da! Da war doch der Berg, bei dem … sssssst, sauste der Bus schon weiter.

Ach, die Langsamkeit des Wanderns war doch wirk­lich wunder­bar gewesen. Am meisten jedoch hat mich beein­druckt, wie dankbar ich gewesen bin für Kleinig­keiten:  Das herrliche frische Bauern­brot, genossen nur mit Salz, in der Sonne sitzend. Die geschenk­ten Manda­rinen, vom Baum gepflückt und gleich in den Mund. Die Freude, sich nach dem Wandern unter die Dusche zu stellen. Das Einschla­fen. Kein langes Herum­wälzen und Grübeln. Nur Augen zu und schon war man weg. Selbst das Gewicht des Ruck­sacks möchte ich nicht missen. Zeigte es mir doch täglich, mit wie wenig man eine lange Zeit auskommen kann. Und jeder hat sein Päck­chen zu tragen.

Was trägst du mit dir herum? Lege es abends ab … erhole dich … dann kannst du es morgens wieder schultern. Ein gutes Gefühl.

Lieber Martin, ich danke Dir, dass du mich einfach an die Hand genom­men hattest und mir diese wunder­bare Erfah­rung ermög­licht hast. Möge jeder „Neupilger“ so einen Martin an seiner Seite haben. »

(zurück …)

Mein erstes Mal

Kommentar verfassen