Ich bin dann mal weg – für einen Tag

Die „Via Baltica“ zählt zu den Jakobs­wegen in Deutsch­land. Sie beginnt auf der Insel Usedom an der Grenze von Polen und Deutsch­land und führt über Lübeck, Hamburg und Bremen bis nach Osna­brück. Unsere Autorin Alice Echter­mann ist ein Stück auf der Via Baltica gepilgert.

WESER-KURIER-Volontärin Alice Echter­mann (2. von rechts) ist ein 22 Kilo­meter langes Stück des Weges von Otters­berg bis Lilien­thal gewan­dert und hat dabei Pilger aus Bayern, Spanien und Berlin getroffen.   (Foto von Mikhail Galian)

Der erste gelbe Pfeil befindet sich am Ausgang des klei­nen Bahnhofs in Otters­berg. Vom Bahn­steig sind es nur wenige Meter bis zu einem Fußgän­ger­weg, der direkt ins Grüne führt. Hier beginnt sie also, die erste Pilger­reise meines Lebens. Die Winter­sonne hat es noch nicht durch die Wolken­decke an diesen kalten Morgen geschafft. Ich stelle mir vor, dass am Ende dieses Weges, würde ich ihn nur lange genug gehen, ein wär­me­rer Ort liegt.

Dort scheint die Sonne fast das ganze Jahr – im Westen Spaniens, in Santiago de Compostela. Alle Jakobs­wege führen zu der Stadt, in der laut der Legende die Gebeine des Apostels Jakobus des Älteren begra­ben sind. So auch die „Via Baltica“, die von Usedom quer durch Deutsch­land führt und auf der ich an diesem Tag einen Abschnitt gehen werde.

Das Jakobspilgern wird seit Jahren immer beliebter. In Deutsch­land boomt die Wander­lust, seit der Enter­tainer Hape Kerke­ling seinen Reise­bericht „Ich bin dann mal weg“ veröffent­licht hat. Auf einschlä­gigen Web­seiten ist die Rede vom „Kerke­ling-Effekt“: einem sprung­haften Anstieg deut­scher Pilger 2007, dem Jahr nach der Buch­ver­öffent­lichung. Ob die Zahlen stimmen, lässt sich schwer sagen; die meisten Internet­seiten werden von Privat­per­sonen geführt, berufen sich aber auf das Pilger­büro in Santiago de Compo­stela. Unbestreit­bar ist, dass Kerke­ling den Jakobs­weg viel bekannter gemacht hat. Und auch ich bin neugie­rig: Was hat das Pilgern an sich, das die Leute anzieht? Viel­leicht werde ich es heute erfahren.

Von Ottersberg nach Lilien­thal
Die Jakobsmuschel und gelbe Pfeile weisen den Weg.   (Foto von Alice Echtermann)

Mein Ziel heißt zwar nicht Santiago, son­dern Lilien­thal – aber wer noch nie gepil­gert ist, sollte klein anfan­gen. Am Bremer Haupt­bahn­hof habe ich meine Begleiter getrof­fen: Martin Gottschewski aus Bremen, Christine Köffer aus Nieder­bayern, Nicole Schwimmer aus Berlin und Francesc Alfambra aus Barcelona in Spanien. Sie alle sind erfahrene Pilger. Martin Gottschewski hat die Gefährten auf seiner Wanderung auf der Via de la Plata in Spanien kennen­gelernt und nach Bremen einge­laden. Diese Menschen sind bei glühender Hitze und strömen­dem Regen wochen­lang durch Spanien gelaufen – heute wird es für sie vermut­lich ein gemüt­licher Spaziergang.

Wir fahren am frühen Morgen mit dem Zug los. Um bei Kerke­ling zu blei­ben: Ich bin dann mal weg. Zumin­dest für einen Tag. Von Otters­berg geht es zu Fuß weiter, mit Ruck­sack, Mütze und Hand­schuhen. Sobald wir auf freies Feld kommen, pfeift uns der Wind um die Ohren. „Auf dem Jakobs­weg wird geduzt“, war das Erste, was Martin Gottschewski heute Morgen zu mir gesagt hat.

Als ehrenamtlicher Wegwart des Vereins „Freundes­kreis der Jakobs­wege in Norddeutsch­land“ hat Martin die meisten Markie­rungen auf diesem Abschnitt der Via Baltica selbst angebracht – gelbe Pfeile oder stili­sierte Jakobs­muscheln, als Aufkleber oder mit Baumfarbe gesprüht. Sein Ziel sind lücken­lose, unmiss­ver­ständliche Wegweiser. Obwohl er seinen Job gut gemacht hat, übersehen wir sie manch­mal. Das liegt daran, dass wir zu viel quatschen, sagt Martin.

Auf dem Jakobsweg hilft man sich gegen­seitig
Christine (Tine) Köffer macht Bekannt­schaft mit den Ponys am Weg.   (Foto von Alice Echtermann)

Einfach nur zu gehen, ohne sich Sorgen um die Orientie­rung zu machen, hat viele Vortei­le. „Man nimmt die Dinge am Weg richtig wahr“, sagt Christine, die wir alle Tine nennen. Die 51-Jährige ist vor drei Jahren zum ersten Mal den Jakobs­weg in Spanien gelau­fen, auf dem Camino Francés, der belieb­tes­ten Route. Nach nur fünf Tagen verlor sie ihren Reise­be­gleiter und fand ihn erst am Ziel in Santiago de Compostela wieder.

Allein war sie dennoch nie. Auf dem Jakobs­weg, das höre ich an diesem Tag immer wieder, hilft man sich gegen­seitig und findet Freunde. „Am Anfang ist man noch nicht so offen. Alle sind eher in sich gekehrt, wollen sich selbst finden“, sagt Tine. Aber das ändere sich dann nach einigen Tagen oder Wochen.

Seit dem ersten Mal war Tine jedes Jahr wieder unter­wegs – in diesem Jahr ganze vier­einhalb Monate. Geplant war sogar ein halbes Jahr. „Ich bin mit meinem Hund gelaufen und habe des­halb vor allem im Zelt geschla­fen“, erzählt sie. Weil es zu viel regnete, brach sie die Reise vorzei­tig ab. „Ich habe da gemerkt, dass es nichts für mich wäre, immer unter­wegs zu sein. Ich brauche einen Ort, wo ich bleiben kann.“ Tine verkauft Filz auf Mittel­alter- oder Weihnachts­märkten. Schafwolle sei die beste Kleidung für Pilger, sagt sie: Warm, atmungs­aktiv, und sie fange nicht so schnell an zu stinken. Tine strahlt eine große Ruhe und Gelassen­heit aus. Das hat sie mit den meisten der Gruppe gemeinsam.

Vielen geht es beim Pilgern nicht um Religion
In der privaten Pilger­her­berge von Vincent May und Johanne Olden­burger in Lilien­thal bekom­men müde Wanderer ein warmes Abend­essen. (Foto von Mikhail Galian)

Francesc spricht nur Spanisch und ein biss­chen Englisch. Der 60-Jährige ist den Jakobs­weg in Spanien bereits viermal gewan­dert. „Allein gehen ist sehr wichtig“, sagt er. „Sonst lernt man nieman­den kennen. Ich kenne Australier, Kanadier, Deutsche, Brasi­lianer – Menschen von allen Konti­nenten.“ Es geht ihm beim Pilgern um das Natur­er­lebnis und die Menschen. Jeden­falls nicht um Religion. Martin, der neben uns geht, sieht das ähnlich: „Ich bin auch nicht religiös, aber ich finde Religion interessant.“

Francesc ist studierter Biologe und erforscht Höhlen, was er mir mit einem Foto auf seinem Handy beweist. „In Bremen erforsche ich aber lieber die Archi­tektur, die Kultur und die Gastro­nomie“, sagt er, lacht und wendet sich an Martin: „Hey, wo ist denn jetzt die nächste Bar?“ In dieser Gegend sind Kneipen rar. Doch gegen Mittag erreichen wir Fischer­hude mit seinen gepfleg­ten Bauern­häusern. In einem Café neben einem Bio-Hof­laden essen wir eine Kleinig­keit. Francesc trinkt ein Bier und verteilt Brote mit spanischem Schinken.

Nach der kleinen Pause bricht endlich die Sonne durch die Wolken. Wir gehen ein Stück des Weges schweigend. Die Gruppe zerstreut sich dabei auto­matisch, jeder läuft für sich. Ich denke, wie schön diese Gegend doch ist, und wie selten ich aus der Stadt heraus­komme. Irgend­wann schließt Nicole zu mir auf.

Pilgerherberge wird von Künstlern geführt
Über Deiche, Feldwege und Trampel­pfade mitten im Wald führt der Jakobs­weg Via Baltica. (Foto von Alice Echtermann)

Die 35-jährige Berlinerin ist erst ein einziges Mal gepil­gert. „Ich hatte so etwas wie eine kleine Lebens­krise“, erzählt sie. Eine Beziehung ging zu Ende, Job und Wohnung waren weg. Sie wollte nur noch raus aus Berlin. Die Wande­rung war nicht leicht. Es regnete die ersten zwei Wochen durch, und dann entzün­dete sich ihr Knöchel. „Aber irgend­wann packt dich der Ehrgeiz“, sagt Nicole. „Man will es unbe­dingt schaffen.“ Fünf Wochen war sie unter­wegs und ist immer noch sicht­lich stolz darauf.

Am Nachmittag erreichen wir Lilienthal und die Pilger­her­berge, in der wir über­nach­ten wollen: ein mäch­tiges Block­haus aus ganzen Baum­stäm­men. Es gehört Vincent May und Johanne Olden­burger. Die beiden sind Künstler und Lebens­künstler; er stellt Kerzen her und sie macht Seife. Im Haus ist es warm und es riecht nach äthe­rischen Ölen und Holz.

Als ich meine Wanderschuhe ausziehe, spüre ich, dass meine Füße ziemlich schmerzen. Etwa 22 Kilometer sind wir an diesem Tag gelaufen. Auch die anderen stöhnen ein wenig – bis auf Francesc, der wirkt, als könne er noch heute bis ins Zentrum von Bremen weiterlaufen. „Die ersten Tage sind schlimm“, sagt Tine. „Aber irgendwann kannst du dir nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu machen als zu laufen.“

Durch das Pilgern kommt man zu sich selbst
von links:  Christine (Tine) Köffer, Nicole Schwimmer, Martin Gottschewski, Francesc Alfambra   (Foto von Mikhail Galian)

Für heute bin ich aber froh, angekom­men zu sein. Johanne tischt Suppe zum Abend­essen auf. Die beiden Lilien­thaler betrei­ben die private Pilger­her­berge seit ungefähr einem Jahr. Das Block­haus hat Vincent vor zwei Jahren bauen lassen, nachdem sein altes Haus abge­brannt war. „Irgendwie erinnert es uns an ein Kirchen­schiff, oder eine Arche“, erklärt er. So kamen sie auf die Idee mit der Herberge. So viele Gäste wie heute hatten die beiden aller­dings noch nie. „Ich bin früher auch gewan­dert“, sagt Johanne. „Draußen zu sein ist für mich das Größte. Im nächs­ten Leben möchte ich auch pilgern und am lieb­sten nichts besitzen.“

Francesc gefällt die Einstellung der beiden. „Auf dem Weg in Spanien gibt es viele solche Menschen“, sagt er. „Es ist viel schöner, zu teilen. Leider sind in dieser Welt alle so fokus­siert auf Besitz, auf meins und deins.“ Auch Vincent war in seiner Jugend ständig unter­wegs: „Pilger sind die nächste Gene­ra­tion der Wande­rer“, sagt er. „Durch das Pilgern kommt man zu sich selbst – oder zumin­dest kommt man immer schlauer zurück als vorher.“ Und was mich angeht, hat er damit recht. Selten habe ich an einem Tag so viele interes­sante Menschen kennen­gelernt wie heute – auf der Via Baltica zwischen Otters­berg und Lilienthal.

Martin Gottschewski gibt gerne jedem Auskunft, der das Pilgern einmal auspro­bieren möchte. Interes­sierte können ihm eine E-Mail an unterwegs(at)caminojakobsweg.de schreiben.

unterwegs kommt der Strom auch aus der Steckdose

 

Quelle:    dieser Artikel von Alice Echtermann
wurde veröffentlicht im  WESER-KURIER  am 29.1.2017

Unterwegs auf der «Via Baltica»
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