Borgfeld liegt an der Via Baltica, einem Teil­stück des Jakobs­wegs. Unter der Dach­schräge im alten Gemeinde­haus des Orts­teils gibt es des­halb auch Bett, Dusche und Küche für Pilger.

Dietmar Früchtenicht sorgt für die Gast­freund­schaft im Zeichen der Jakobs­muschel bei der Borg­felder Kirchen­gemeinde.  (Foto:  Hans-Henning Hasselberg)

Betten bezieht Dietmar Früchtnicht nicht. Seine Gäste übernach­ten lieber in den eigenen Schlaf­säcken. Pilger sind nicht sonder­lich anspruchs­voll. Aber Dusche und Küche eine Treppe tiefer, das schät­zen sie wie jeder­mann. Dass die Borg­felder Kirchen­gemeinde das in ihrer Pilger­her­berge bietet, hat sich indes noch nicht bei all denen herum gespro­chen, die über die Via Baltica aus dem Norden von Otters­berg her gen Süden zu Fuß ziehen. Einmal las der Küster solche Wanderer mit Ruck­sack in Timmers­loh auf. Er hatte sie an der Jakobs­muschel erkannt, die an ihrem Gepäck baumel­te. Er wollte sie mitneh­men. Sie winkten ab, Borg­feld habe ja keine Dusche. Da lachte Frücht­nicht und lud sie ein, sich vom Gegen­teil zu überzeu­gen. Dass das Lager unter der Dach­schräge im alten Gemeinde­haus gut tut, davon künden die zahl­reichen Einträ­ge im Pilgerbuch.

Gesucht haben die Borgfelder die Pilgerei nicht. Borgfeld liegt an der Via Baltica, einem Teil­stück des Jakobs­wegs hier im Norden. Bis vor wenigen Jahren war das aller­dings noch Insider­wissen. Der Pilger­boom setzte erst nach 2006 ein, als der wohl bekann­teste deutsche Pilger der Neuzeit, Hape Kerke­ling, sein Buch „Ich bin dann mal weg“ veröffent­lichte. Plötz­lich war die Sinn­fin­dung auf zwei Füßen en Vogue, und Borgfeld rückte ins Visier von Jakobs­weg-Organi­sationen, die die Kirchen­gemeinde als Pilger­her­berge anfrag­ten. Der Borgfelder Pastor Clemens Hütte erinnert sich lächelnd, wie er damals sagte: „Warum nicht?“ Aller­dings ohne zusätz­lichen Aufwand. Das alte Gemeinde­haus gab ja alles her: Sofa, Dusche und Küche. Das scheint manchem Wande­rer mehr als er viel­leicht erhofft. Küster Frücht­nicht hat erlebt, wie ein durch­ge­fro­rener Pilger ausrief: „Hier ist ja Luxus.“

Einen festen Preis gibt es nicht

Seit dem Jahr 2007 gibt es immer mal wieder Über­nach­tungs­gäste im Gemeinde­haus. Irgend­wann hat einer mal eine der großen Jakobs­muscheln da gelassen. Daran sind sie zu erkennen, die Jakobs­pilger. Sie liegt auf der Fenster­bank neben der Schild­kröte. Da hinein stecken die Schlaf­gäste ihren Obolus für die Über­nach­tung. Einen festen Preis gebe es nicht, erzählt Dietmar Frücht­nicht. Fünf Euro, zwei Euro, „wie jeder kann“.

Nachdem immer mehr Gäste an seiner Tür klingel­ten, Frücht­nicht ist quasi der Pilger-Verant­wort­liche der Kirchen­gemeinde, suchte er sich im Jahr 2008 im Gemeinde­büro ein unli­nier­tes Buch heraus und machte es von da an zum „Pilger­buch“. Als er darin blät­tert, kommen mit den Seiten die Erin­ne­rungen. Zum  Bei­spiel  an das dänische Ehe­paar mit den Kindern im Boller­wagen. Oder an die Jugend­gruppe, die abends lange Tafeln im Flur aufstell­te und nach den Spaghetti noch bis Mitter­nacht tagte, sodass der Küster sich fragte, wie die am nächs­ten Tag wohl auf­stehen und weiter wandern wollten. „Pilger sind so unter­schied­lich“, hat Frücht­nicht beobach­tet. Es gebe die redse­ligen und die, die ganz in sich gekehrt seien. Das merke er schon bei der Schlüssel­übergabe, und diese Pilger lasse er dann auch in Ruhe.

Egal, wer bei ihm klingelt:  „Ich nehme sie gerne auf“, sagt Dietmar Frücht­nicht. Ob er selber einmal pilgern will? Das lässt er offen. Bücher jeden­falls hat er schon gelesen über den Jakobs­weg und weiß darum: „Den Pilger­weg kriegt man nur wirk­lich mit, wenn man selber läuft.“ Und den Schil­dern mit gelben Sonnen auf blauem Grund folgt. Sie markieren die Via Baltica, wie sie von Otters­berg über Quelk­horn und Fischer­hude nach Borgfeld führt.

Pastor Clemens Hütte beobach­tete die neue Pilger­sitte ein paar Jahre. Und weil die Via Baltica schon an Borgfeld vorbei führt, regte er an, sie einmal mit Jugend­lichen zu begehen. Im Jahr 2012 brach der Borgfelder Pilger­tross erst­mals auf, von Quelk­horn nach Borgfeld. Hütte schmunzelt, als er erzählt, wie die Konfir­manden das erst blöd fanden und im Nach­hinein schwärm­ten: „Das ist ein tolles Ding, so retro­mäßig.“ Handys und iPods mussten zuhause bleiben. Hüttes Schmunzeln wird noch breiter beim Gedan­ken an das Schuh­werk der Jugend­lichen. In Balle­rinas können 15 Kilo­meter sehr schmerz­haft werden. Doch am Ende über­wiegt bei den jungen Leuten der Stolz, hat der Pastor inzwi­schen so oft erlebt.

Alljährlich zieht er mit 80 bis 90 Konfir­manden und bis zu 15 Betreuern die Via Baltica entlang und spürt mit ihnen dem Auszug der Israe­li­ten aus Ägypten nach. Mal biegt er falsch ab, weil die Israe­li­ten sich verirr­ten, und am Hexen­berg gibt es die zehn Gebote. Das macht sechs Stunden Konfir­man­den­unter­richt am Stück. Ob sie einen der Jugend­lichen bewogen haben, später noch mehr vom Jakobs­weg zu beschrei­ten, das weiß er nicht.

Obwohl, für den Pastor muss es gar nicht der berühmte Pfad sein. Vom „fromm-seichten“ Pilger­tum unserer Tage hält er auch wenig. Aber dem grund­sätz­lichen Gedan­ken stimmt er zu: „Sich etwas Erlaufen hat eine spiri­tuelle Seite.“ Nur müsse man dafür nicht nach Spanien fahren. Für Clemens Hütte geht das über­all und ist nicht an eine christ­liche Tradi­tion gebun­den. „Es gibt auch in ande­ren Reli­gio­nen Pilger­wege.“ Viel­mehr gehe es ums „Unterwegs­sein, um unterwegs zu sein“. Der Weg als Ziel, egal wo, ändere im Ideal­fall etwas in einem selber. Er brauche dafür jeden­falls keinen Jakobs­weg, so Hütte.

Aber mancher folgt ihm trotz­dem und beein­druckt auch den Pastor. Der erzählt von einer Neusee­län­derin, die von Nor­wegen bis nach Santiago de Compo­stela nach Spanien gelau­fen war. Sie hatte eine Ansichts­karte nach Borgfeld geschickt. So hielten es auch andere Gäste, die für eine oder ein paar Nächte in Borgfeld waren. Dietmar Frücht­nicht sammelt die Karten im Pilger­buch. Weil aber, so Hütte, die Pilger­herberge „kein Gast­haus“ ist, sollten sich Pilger immer bei der Kirchen­gemeinde anmel­den, wenn sie in Borgfeld über­nachten wollen.

unterwegs kommt der Strom auch aus der Steckdose

 

Quelle:    dieser Artikel von Undine Zeidler
wurde veröffentlicht in der  WÜMME-ZEITUNG  am 14.2.2017

Spartanische Herberge unterm Dach
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