Nach mehr als zehn Jahren hat Gerda Schmidt Ende 2016 ihre Privat­her­berge für Pilger auf dem Syker Teil des Jakobs­weges geschlos­sen, um mehr Zeit für ihre Enkel­kinder zu haben. An die Jahre als „Pilger­mutter“ blickt sie gern zurück.

Die Pilgermutter:  In Gerda Schmidts Gäste­buch haben sich ihre Besucher verewigt.   (Foto:  Janina Rahn)
Ein freies Bett für Fremde

„Ich habe ganz viele interes­sante und auch sehr unter­schied­liche Men­schen kennen­ge­lernt“, erin­nert sie sich. 2006 fing alles an. Nach einem Vortrag von Axel Fahl-Dreger, dem dama­ligen Leiter der Koor­di­na­tions­stelle Jakobs­weg, wurde auch in Barrien der Pilger­weg einge­weiht und nach Herber­gen gesucht. „Unsere Pastorin Susanne Heine­meyer hat mich ange­spro­chen und da ich mich schon immer für Men­schen interes­siert habe, war ich gern bereit mit­zu­machen“, so Schmidt.

Seit rund tausend Jahren pilgern Men­schen auf den Wegen des heili­gen Jakobus durch ganz Europa bis nach Santiago de Compo­stela in Spanien. Der Baltisch-Westfä­lische Jakobs­weg führt auf alten Spuren von Bremen durch die Syker Vorgeest bis nach Barrien mit seiner über 975 Jahre alten Bartho­lomäus-Kirche, ist im Pilger­flyer zu lesen.

Marius aus Polen war der erste Gast

Schmidts erste Pilgerüber­nachtung war Marius, ein polni­scher Pilger auf dem Rück­weg in die Heimat. „Ich weiss noch, das es ein rich­tiges Sau­wetter war als die Kirchen­sekre­tärin anrief, um den Besuch anzukün­digen“. Zudem sei der arme Kerl total erkäl­tet gewe­sen. Am Ende blieb er nur eine Nacht, weil es nach etlichen Telefo­na­ten gelun­gen sei Kontakt zur katho­lischen Gemeinde im Bremer Schnoor herzu­stellen. „Er wollte unbe­dingt mit seinen katho­lischen Kollegen in Kontakt treten und eine Freundin von uns hat ihn dann mit nach Bremen genom­men“, erzählt Schmidt die Geschichte ihrer ersten Pilger­über­nachtung.

Im zweiten Winter sei dann ein Wanderer ganz aus der Schweiz gekom­men, der an einem Tag von Wildes­hausen nach Barrien laufen wollte. „Das sind 60 Kilo­meter, und ich konnte mir nicht vorstel­len, dass er es schafft“. Aber der Wanderer sei pünkt­lich ange­kommen und ohne Früh­stück am näch­sten Morgen früh weiter gewan­dert. „Susann war meine weites­te Pilgerin, sie kam aus Neusee­land“, blickt Schmidt auf einen weite­ren Gast zurück und weiß noch, dass es ein Winter mit Eis und Schnee war. „Sie ist trotz­dem weiter­gewan­dert und ich auch“, denn auf eine Art und Weise wandere man sozu­sagen mit. Auch bei einer Pilgerin aus Eckern­förde. „Sie war Schamanin und Physio­the­ra­peutin und konnte meinen Mann helfen, der sich etwas ausge­renkt hatte.“ Von ihr stammten die schönen Zeilen in Schmidts Pilger­buch: Mein Dank und Licht und Liebe bleiben hier. „Ich glaube, dass sie wirk­lich ihren Weg suchte und nicht so sehr das Pilgern im Vorder­grund stand“, mutmaßt ihre Gastge­berin heute.

Ihr Mann habe sie von Anfang an unterstützt, weil er sich gefreut habe so tolle Leute kennen zu lernen, erklärt Schmidt. Mit einem Lehrer habe er sich beson­ders gut verstan­den und den Rotwein schmecken lassen. Eines Tages habe der Wanderer wieder vor der Tür gestan­den und natür­lich als Gastge­schenk einen Rotwein dabei gehabt.

Bine und Ingo

Schmunzeln muss die Pilgermutter, wenn sie an Bine und Ingo denkt. Das junge Pärchen erreich­te ihr Haus als erste Etappe ihres Auswan­derns nach La Gomerra. „Die beiden hatten viel zu viel Gepäck auf dem Rücken, damit wären sie nicht weit gekom­men“. Am Ende konnten sie dann überredet werden doch etliches zurück zu lassen, das später von Freun­den abgeholt wurde. Sehr interes­sant sei auch eine andere Pilgerin gewe­sen, eine junge Ärztin mit dem Namen Swantje. „Ihre Reise­berichte, Bilder und Erleb­nisse waren unglaub­lich spannend“, erinnert sich Schmidt gern an die junge Frau. Diese habe davon berich­tet, wie sie spät abends noch eine Übernach­tungs­mög­lich­keit bei einem Ehepaar gefun­den habe und trotz Blasen an ihren Füßen am nächs­ten Tag unverdros­sen weiter­ge­wandert sei. Eine andere Frau sei nur mit einem klei­nen Rucksack angekom­men. „Mehr konnte sie nicht tragen wegen eines Handicaps, aber sie wollte unbedingt trotz­dem den Pilger­pfad gehen und wurde dabei von Freunden unter­stützt, die ihr Gepäck trans­por­tiere haben“, erzählt Schmidt.

Meistens habe man die Termine gut koordi­nieren können, aber einmal sei auch eine Anfrage gekom­men als sich die Schmidts schon auf dem Weg zu einer Verab­redung machen wollten. „Wir mochten die beiden jungen Männer aus Frank­reich nicht auf der Straße stehen lassen und haben ihnen unse­ren Haus­schlüssel gegeben“ erzählt Schmidt und ist oft auf Unver­ständ­nis gestoßen ob ihres Vertrau­ens in Menschen. „Wir haben oft gehört: Ihr kennt die doch gar nicht“. Aber da müsse man auf seine Menschen­kenntnis vertrauen: „Ich habe immer einschät­zen können, ob die Wanderer sich gerne mittei­len möchten oder einfach ihre Ruhe haben wollen“.

Fred

Menschen wie Gerda Schmidt, welche Pilgern eine Über­nach­tungs­mög­lichkeit bieten, und sich zudem liebevoll um ihre Gäste kümmern, ihnen ein zuhause für eine Nacht geben, sind sehr wichtig. Es wäre andern­falls für die meisten kaum mög­lich für eine längere Zeit durch Nord­deutsch­land – geschweige denn bis Santiago de Compostela in Nord­spanien – zu pilgern. Wir freuen uns wenn sich Interes­sierte bei uns melden. Oft kommt die Frage: «Auf was lasse ich mich damit ein?» Schreiben Sie uns eine Mail.  Einzel­heiten bespre­chen wir gerne persön­lich in aller Ruhe.

unterwegs kommt der Strom auch aus der Steckdose

 

Quelle:    dieser Artikel von Dorit Schlemermeyer
wurde veröffentlicht im  WESER-KURIER  am 14.2.2017

Sykerin war zehn Jahre „Pilgermutter“

Ein Gedanke zu „Sykerin war zehn Jahre „Pilgermutter“

  • 16. Februar 2017 um 11:48
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    Mit großer Freude habe ich diesen Artikel gelesen, den mir eine Bremer Freundin nach Lübeck geschickt hat. Ich war 2008 als Pilgerin Swantje bei Gerda Schmidt und ihrem Mann zu Gast als ich von Lübeck nach Santiago de Compostela gepilgert bin. Ich erinnere mich gut: Gerda Schmidt hat mich vor der Kirche angesprochen. Die Erleichterung, den ihr Satz: „Ich bin Gerda Schmidt – ich nehme hier die Pilger auf“ bei mir auslöste, habe ich bis heute nicht vergessen. Auch nicht das nette Fest in der Kirchengemeinde zu dem mich das Ehepaar Schmidt am Abend mitgenommen hat. Es ist eine der schönsten Erfahrungen auf dem Pilgerweg, dass Menschen Einem unvoreingenommen ihr Vertrauen schenken. Man bringt ja nur sich selbst mit, ist erschöpft und verschwitzt, manchmal auch einsam. Da sind die Pilgerherbergsleute ein Segen. Vielen Dank also an Gerda Schmidt und die Gemeinde Syke-Barrien. Ich hoffe, dass sich immer wieder Menschen finden, die in der heutigen Zeit ihre Türen öffnen. Herzliche Grüße aus Lübeck von der mittlerweile nicht mehr ganz so jungen Landärztin Swantje, die ihren Pilgerweg und die vielen Begegnungen immer im Herzen trägt.

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