«Viele pilgern über San­tiago hinaus bis ans Meer»

Den ganzen Schweizer Jakobs­weg an einem Tag begehen – dieses Ziel hat sich der Dach­ver­band Jakobs­weg Schweiz gesetzt. Am Sams­tag pil­gern 28 Grup­pen je eine ein­zelne Etap­pe der Haupt­route. Projekt­leiter Walter Wilhelm* erklärt, wes­halb der Pilger­boom auch nach Jahr­zehn­ten nicht abbricht.

Jakobspilger am Genfer See | © Walter Wilhelm

 

«Wandern Sie noch oder pil­gern Sie schon?»

..  heißt es auf dem Flyer.
Was ist der Unter­schied zwi­schen pilgern und wan­dern?

Walter Wilhelm: „Nie­mand fragt, warum jemand wan­dern geht. Pilger wer­den jedoch oft gefragt: Warum machst du das? Die Leute neh­men also an, es gebe noch eine Moti­vation, die über das Wandern, das Unter­wegs­sein zu Fuß, hinaus­geht.“ Und welche Moti­vation ist das? Wilhelm: „Oft hat das mit der persön­lichen Lebens­situa­tion zu tun. Leute möch­ten zur Ruhe kom­men oder auftan­ken. Dinge sollen sich set­zen können, damit man wieder klarer sieht.“

«Pilgern hat oft mit der persön­lichen Lebens­situation zu tun.»

Das kann man aber auch beim Wandern erleben.
Wilhelm: „Richtig. Darüber hinaus gehen Men­schen in Über­gangs­situa­tionen pil­gern, etwa zwi­schen zwei Arbeits­stellen oder zu Beginn der Pensio­nierung, aber auch nach einer Schei­dung oder nach dem Tod des Part­ners. Men­schen machen sich auf den Weg, weil sie möch­ten, dass etwas in ihnen in Bewe­gung kommt, damit sie wieder anders weiter­leben können.“

Pilgern ist seit Jahrzenten «in». Wie erklä­ren Sie sich diesen Boom?
Wilhelm: „In unserer schnell­le­bi­gen Zeit spüren viele das Bedürf­nis, zur Ruhe zu kom­men und sich die Frage zu stellen: Was ist mit mei­nem Lebens­entwurf? Wo geht der Weg an dieser Weichen­stel­lung weiter?“

«Menschen machen sich auf den Weg, damit etwas in ihnen in Bewe­gung kommt.»

Es gibt viele andere Pilgerziele: Rom, Assisi, Lourdes, Jerusa­lem. Warum boomt aus­ge­rech­net San­tiago?
Wilhelm: „Das hat einer­seits mit den Aus­zeich­nun­gen des Euro­pa­rats und der Unesco zu tun. Doch wer ein­mal in San­tiago war, den lässt das Pilger­virus nicht mehr los. Viele gehen ein zwei­tes Mal und stel­len später fest, dass es noch andere Zielorte gibt.“

Bietet der – kirchlich betrachtet – eher unbe­deu­tende Apostel Jakobus Pro­jektions­fläche für indi­vi­duel­le spiri­tuelle Vorstel­lungen, jenseits kirch­licher Glaubens­inhalte?
Wilhelm: „Vielen Jakobs­pilgern ist es tat­säch­lich kein Anlie­gen, in San­tiago bei Jako­bus anzu­kom­men. In unse­rer post­mo­der­nen, indi­vi­duali­sierten Gesell­schaft sind die Leute oft unter­wegs mit dem Slogan «Der Weg ist das Ziel». Es kann sein, dass sie in Santiago mit dem spezi­fisch Katho­lischen etwas über­fordert sind. Viele laufen weiter bis Finis­terre. Dort kommt man ans Meer, nach­dem man lange durch den Kontinent gelau­fen war. Ein sol­cher Natur­ort ist wohl für viele zeit­ge­mäßer, um am Ziel anzukom­men.“

Dennoch sagen viele: Ich bin unter­wegs, um mich selbst zu fin­den, und bin auf Gott gesto­ßen.
Wilhelm: „Ich würde das nicht gering­schät­zen! Pil­gern fin­det im Freien statt.“

Ist das nicht auch Aus­druck einer von kirch­lichen Dogmen «befreiten», indi­vi­duel­len Spiri­tuali­tät, die eben auch indi­vi­duel­le spiri­tuelle Erfah­rungen ermög­licht?
Wilhelm: „Auf jeden Fall! Man ist unter frei­em Himmel, man erlebt Wind und Wetter, ist den Ele­men­ten ausge­setzt. Man erfährt im Unbe­haust­sein viel­leicht tat­säch­lich etwas von dem, was «peregrinatio» ursprüng­lich bedeu­tet: «Auf dem fremden Acker unter­wegs sein». Dieses Unge­schützt-Sein öffnet die Men­schen im Hin­blick auf die Frage: Worin grün­det mein Vertrauen? Da setzt indi­vi­duel­le Spiri­tualität an.“

Jakobspilger | © Walter Wilhelm

«Das Ungeschützt-Sein öffnet die Menschen»

Wie christlich sind heutige Jakobspilger?
Wilhelm: „Anders als bei ei­nem schö­nen Alpen­spazier­gang begegne ich auf dem Jakobs­weg dauernd Spuren christ­licher Spiri­tuali­tät. Man kommt an Kir­chen und Klös­tern vorbei, man läuft auf den Fuß­ab­drücken von «Vorpil­gern». Hier erlebe ich eine Offen­heit sei­tens der Pilger: Die meis­ten gehen da und dort in eine Kirche und neh­men sich einen Moment der Ruhe. Das sind Signale, dass die Pilger auch diese Orte für ihre Ausein­ander­setzung brauchen. In vielen Kirchen gibt es zudem Pilger­tische mit Anre­gungen, Gebeten oder der Möglich­keit, eine Kerze anzu­zünden.“

Sie wollen am 20. Mai Menschen zum Pilgern ein­laden. Braucht es das ange­sichts der ständig stei­gen­den Pilger­zahlen?
Wilhelm: „Wer pil­gern gehen will, tut das auch ohne Pilger­tag. Gleich­zeitig ist es eine Mög­lich­keit, einen Tag unter­wegs zu sein mit Impul­sen zum Thema «Weg der Wand­lung». Wenn man alleine unter­wegs ist, muss man das selber gestalten.“

Jakobspilger | © Walter Wilhelm

«Auf dem Jakobsweg begegne ich dauernd Spuren christ­licher Spiritualität.»

Sind das spirituelle Impulse?
Wilhelm: „Sie basieren auf der christ­lichen Reli­gion. Wir sin­gen Lieder, man wird mit einem Pilger­segen auf den Weg geschickt, nach einem inhalt­lichen Impuls läuft man eine Weg­strecke schwei­gend. Auch bib­lische Texte sind als Impuls mög­lich, aber nicht vorge­geben. Wir bieten den Leitern der Etap­pen ein Begleit­heft mit Mög­lich­keiten zur Gestal­tung an, die sie aber an ihren eige­nen Weg­ab­schnitt anpas­sen müssen.“

Wie viele Pilger erwarten Sie?
Wilhelm: „Die opti­mis­tischen Träume gehen von 500 Perso­nen aus. Es sind gegen 50 Etap­pen, und zehn Per­so­nen sind eine opti­male Gruppen­größe: Man kann mit allen einmal sprechen und den­noch auch für sich alleine unter­wegs sein.“

«Wir bieten den Leitern der Etap­pen ein Begleit­heft mit Möglich­keiten zur Gestaltung an.»

Sind weitere solcher Pilgerwandertage geplant?
Wilhelm: „Es ist kein wieder­keh­render Anlass. Im Jahr 2010 gab es einen Stern­marsch nach Tafers. Das war kurz nach der Grün­dung des Dach­ver­bands. Diesmal wollen wir die ganze Schweizer Strecke an einem Tag begehen.“

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Hinweis:  Am 20. Mai organisiert der Dach­verband Jakobs­weg Schweiz erst­mals einen Pilger­wander­tag. An die­sem Tag pilgern 28 Grup­pen gleich­zeitig je eine einzelne Etappe auf der Haupt­route von Bregenz nach Genf. Auf verschie­denen Zubrin­ger­wegen in der Schweiz werden wei­tere 18 Etappen begangen.

*Walter Wilhelm  ist Pfarrer der Evan­gelisch-Metho­dis­tischen Kirche in Birs­felden BL, Pilger­beglei­ter und Präsi­dent des Vereins Jakobs­weg.ch. Er ist im Vorstand des Dach­verbands Jakobs­weg Schweiz und Projekt­leiter des Pilger­wandertags.

Quelle:   dieser Artikel von Sylvia Stam wurde veröf­fent­licht auf KATH.ch am 19. Mai 2017

Den ganzen Schweizer Jakobsweg an einem Tag begehen

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