PILGERREISE.

Koblenzerin begeg­net auf dem Weg zu Gott vie­len Menschen

Braun gebrannt und lebensfroh sitzt Claudia Schilde auf der Ter­ras­se ihres Hauses an der Mosel. Die Aus­sicht auf den Fluss bedeu­tet ihr viel: Seit sie ein Kind war, hat sie den Schif­fen zuge­wun­ken und gehofft, dass eines sie mit­nimmt. Mit 60 Jah­ren hat sie nun ihrem Fern­weh nach­ge­geben und ist den Jakobs­weg bis zum Wall­fahrts­ort Santiago de Compo­stela in Spanien gegangen.

Zu Fuß von Koblenz nach Galicien: Auf ihrem lan­gen Weg hat Claudia Schilde unzäh­lige Ein­drü­cke gesam­melt – und viele berei­chern­de Begeg­nun­gen mit Men­schen wer­den ihr in Erin­ne­rung bleiben.  (Foto:  privat)

«Ich hatte lange geplant, mit 60 einen neuen Lebens­­ab­­schnitt zu begin­nen», erzählt Claudia Schilde. Und die­sen hat sie auf außer­ge­wöhn­liche Weise betre­ten. Sie kün­digte ihren Job als Leh­re­rin, da ein Sabbat­jahr für sie nicht mög­lich war, und mach­te sich auf den Weg zu Gott. Die gläu­bige Chris­tin nimmt das Pilgern ernst. Manche Men­schen sehen es als ambi­tio­nier­te Fern­wan­derung oder als Aus­bruch aus einer Krise an. Für Schilde war der Weg eindeu­tig ein spiri­tueller. «Ich wollte meine Bezieh­ung zu Gott vertie­fen», erzählt sie einen Monat nach ihrer Rück­kehr. Nach dem Verständ­nis des frühen Mittel­alters bedeutet Pilgern die Mög­lich­keit einer spiri­tuellen Einkehr. Dazu hatte Schilde im All­tag mit Beruf und Familie wenig Zeit.

Die Zeit, die sie brauchte, nahm sie sich dieses Jahr: vier Monate lang, 2.450 Kilo­meter durch halb Europa. Am 2. Mai machte sie den ersten Schritt von ihrer Haus­tür aus in Rich­tung Trier. Durch­schnitt­lich ging Claudia Schilde fast 30 Kilo­meter pro Tag in gemäch­lichem Tempo. Sie musste vom All­tags­leben um­schal­ten, doch das ist nicht so einfach: «Den Pilger­modus, wie ich ihn nenne, kann man nicht in drei Wochen inne­haben», erzählt sie schmun­zelnd. Erst zum Pfingst­fest im fran­zö­sischen Wall­fahrts­ort Vézelay hatte sie sich an ihre neue Situation gewöhnt.

 

Der Tag als Pilgerin begann für Claudia Schilde immer mit einem Gebet um 6 Uhr morgens. Sie orien­tierte sich an den täg­li­chen Gebets­zeiten in Klöstern und sang in jeder Kirche auf ihrem Weg. Zum Pilger­sein gehört für sie außer­dem Genüg­sam­keit. «Wir sind eine Fülle von Dingen im All­tag gewöhnt. Auf dem Weg habe ich gemerkt: Ich brau­che das alles nicht», sagt Schilde. Sie lief nur mit leich­ter Klei­dung im Gepäck, denn jedes Gramm zählte. Abends wusch sie in einer Unter­kunft eines ihrer zwei T-Shirts. «Ein Bett, eine Wasch­mög­lich­keit und etwas zu essen – mehr braucht ein Pilger nicht», erzählt sie.

111 Tage war Claudia Schilde zu Fuß unterwegs, acht Tage ruhte sie aus. Meis­tens ging sie allein. Ein Smart­phone nutzte sie als GPS-Gerät, um sich auch mit­ten im Wald orien­tieren zu kön­nen. Doch Kontakt zur Heimat gab es trotz­dem nicht viel: «Auf den ein­sa­men Wegen ist ohne­hin kein Tele­fon­em­pfang», erzählt Schilde und lacht. Vor allem in Lothrin­gen fand sie die Ein­sam­keit, die sie suchte. Vier Tage lang lief sie durch den Wald, ohne jeman­dem zu begeg­nen. «Das muss man aus­hal­ten kön­nen», sagt sie. In wie verwaist wir­ken­den Orten traf sie dann vor allem auf ältere Men­schen mit viel Gesprächs­bedarf. So ging es für sie manch­mal erst drei Stun­den später weiter als geplant. «Aber das war keine verschwen­dete Zeit, son­dern ein Geschenk», betont Schilde. Sie schenkte ihre Zeit, und die Men­schen auf dem Weg beschenk­ten sie mit guten Wün­schen. «Ich hatte keine Erleuch­tung auf dem Weg, aber der Aus­tausch mit den vielen Men­schen gab mir sehr viel mit», erin­nert sie sich. Auch mit ande­ren Pilgern erlebte sie solche Momente: Ein­mal saß sie ein­sam singend in einer Kirche, bis zwei andere Pilger­innen kamen. Sie san­gen dann zusam­men, und das war so schön, dass Leute von draußen herein­kamen. «Das ist für mich der Begriff mei­ner Reise: Cadeaux – Geschenk», stellt Schilde fest.

Viele Pilger­stempel erinnern an den lan­gen Weg, den Claudia Schilde zurück­gelegt hat.  (Foto:  Lisa Engemann)

In den Orten, zu denen viele der Jakobswege führen, traf sie oft auf andere Pilger, und sie lie­fen ein Stück des Weges zusam­men. «Aber die Fülle von Ein­drü­cken jeden Tag konn­te ich besser allein auf­neh­men. Man muss auch nach links und rechts des Weges schauen kön­nen», sagt Schilde. Denn der Weg war letzt­endlich ihr Ziel.

Claudia Schilde erzählt, dass sie die Dimen­sion dieser viel gebrauch­ten Worte erst durch ihre Pilger­reise verstan­den hat. Santiago de Compo­stela war zwar ihr Ziel, doch das täg­liche Gehen, das Erle­ben der Natur, des Hungrig­seins und die Begeg­nung mit Men­schen waren ihr am Ende am wich­tig­sten. «Vier Tage vor Santiago merkte ich auf ein­mal, wie meine Schritte immer kür­zer wur­den», erzählt sie. Claudia Schilde wurde klar, dass ihr Weg lang­sam zu Ende ging. Am Ziel ange­kom­men, wurde sie weh­mütig, statt sich nur über die Leis­tung zu freuen. Denn die mor­gend­liche Ankunft in Santiago war nüch­tern: Claudia Schilde war Pilge­rin Num­mer 431 von 230.000 an je­nem Tag im August. Auf die Urkunde, die sie erhal­ten hat, gibt sie nicht viel, dafür jedoch auf ihre Fülle von Erin­ne­rungen, die sie mit nach Hause nimmt als ihr Mann sie in Santiago de Compo­stela abholt.

Claudia Schilde hat sich ihren Lebenstraum erfüllt. Auf ihrer Terrasse blickt sie von ihren Erin­ne­rungen in Form eines Tage­buchs, Fotos und Stem­peln auf dem Tisch auf und sagt: «Wenn man einmal das Fass aufmacht … » Sie hat bereits die Pla­nung für eine Pilger­reise nach Rom im Kopf. Bevor sie diese in die Tat um­set­zen kann, holt der All­tag sie je­doch wieder ein: Erst ein­mal muss Claudia Schilde einen neuen Arbeits­platz fin­den. Am besten einen, «wo ich viel drau­ßen sein kann» sagt sie. Sie braucht die Bewe­gung in der Natur. Seit sie wieder in Koblenz ist, läuft sie morgens zwei Stun­den durch den Wald. Und der Ruck­sack steht schon für die nächste Pilger­reise bereit.

 

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Quelle:    dieser Artikel von LISA ENGELMANN wurde veröffent­licht in der Rhein-Zeitung Koblenz  am 5. Oktober 2017

Auf dem Weg zu Gott

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