Fahrräder als Entwicklungshilfe

Hallo liebe Jakobsweg­freunde. Wer diesen Artikel von Michael Bauch­müller bis zum Ende liest, macht sich selbst – ganz über­ra­schend – ein Geschenk. Viel Freude.

370 000 Buffalo Bikes gibt es welt­weit. Der Rahmen ent­steht in China, die End­mon­tage erfolgt in Afrika.   (Foto: World Bicycle Relief)
Buffalo Bike in Afrika

Das Buffalo Bike ist schwer, klobig, unver­wüst­lich. Mit den Rä­dern kom­men die Ärms­ten zur Schule und brin­gen Ärzte Medi­ka­mente in entle­gene Dörfer. Ein rie­siger Zuge­winn für Afrika.

Manchmal liegt Frederick K. Day mit­ten in der Nacht wach und grübelt über sein Fahr­rad. Irgend­wo müs­sen sich doch noch ein paar Dollar sparen las­sen! Oder viel­leicht ein paar Gramm! „Ich habe immer das Gefühl, wir kön­nen noch irgend­etwas ganz anders kon­stru­ieren“, sagt Day. Irgend­etwas für den ganz großen Durch­bruch. Denn Days Ziel ist eine Jah­res­pro­duk­tion von einer Mil­lion Fahr­rä­dern. Ums große Geld geht es dabei aller­dings nicht. Die Zeiten sind vorbei.

1987 hatte Day mit seinem Bruder Stanley zusam­men den Fahr­rad­teile-Her­stel­ler Sram in Chica­go gegründ­et. Am Anfang war es vor allem ein Teil, das der Firma half: die in den Len­ker­griff inte­grierte Schal­tung, der „Grip shift“. Seit­her dreht sich im Leben des F.K. Day alles um Fahr­räder – nur eben mit­tler­weile ganz anders: Was ihn nachts um den Schlaf bringt, sind die Fein­hei­ten des Buf­falo Bike, so ziem­lich das Gegen­teil eines schnit­tigen City-Rads. Stahl­schwer, klobig, unver­wüst­lich: Mit welt­weit bis­her 370.000 dieser Fahr­räder kom­men die Ärmsten zur Schule oder in den näch­sten Ort. „Ist zwar auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Day. „Aber ein Anfang.“

Die Idee zum Fahrrad als Ent­wick­­lungs­hilfe kam den Sram-Leuten nach dem Tsu­nami in Sri Lanka. Statt Geld spen­de­ten sie damals zusam­men mit anderen 24.000 Fahr­räder an betrof­fene Dörfer. Geplant war das als ein­ma­lige Aktion, aber es kam anders. Wer den Opfern eines Tsu­namis hel­fen kann, der kann sich ja vom Rest der Armen nicht ein­fach so abwen­den. So ent­stand die „World Bicycle Relief“ und das zuge­hö­rige Rad: Stahl­rahmen, Stahl­ge­päck­träger, Stahl­lenker, Stahl­räder. Rück­tritt­bremse, keine Schal­tung, eine schmale Hal­te­rung für die Beleuchtung.

Es gibt Fotos, auf denen fahren halbe Familien damit durch den Busch, der Gepäck­träger ist für 100 Kilo­gramm Last ausge­legt. Für deutsche Keller­trep­pen ist das Fahr­rad ungefähr so gut geeig­net wie das vom Post­boten. In Afrika gibt es aber keine Keller­trep­pen. „Ideal für sambische Straßen“, wirbt ein Anbie­ter in Lusaka.

Medikamententransporte per Fahrrad

Das wissen auch die Mitarbeiter von Path. Die ameri­ka­nische Organi­sation kämpft unter ande­rem in Sambia gegen die Malaria, bringt Medi­ka­mente und Medi­ziner – auch mit dem Fahr­rad. „Sambia hat die Größe von Texas, aber nur halb so viele Einwoh­ner“, sagt Todd Jen­nings, der für Path dort arbei­tet. „Vor allem in der Regen­zeit ist das Stra­ßen­netz sehr beschränkt.“ Gäbe es da nicht das Buffalo.

23 000 von den Fahrrädern sind nun gegen die Malaria im Einsatz, sie gehören zur Ausrüstung der freiwilligen Gesundheitshelfer. Mit dem Rad machen die sich auf den Weg selbst in die entlegensten Dörfer, sie gehen jedem Malaria-Verdacht nach und testen Angehörige und Nachbarn der Erkrankten. Wer Malaria hat, wird behandelt. „Den Kampf gegen die Krankheit gewinnt man nur auf der Ebene der Haushalte“, sagt Jennings. „Und die Fahrräder gewähren den Zugang, damit das passiert.“

Ein riesiger Zugewinn an Produktivität

Logischerweise ist auch Day von dem Projekt ganz angetan. „Da kommt die ganze Magie zum Vorschein“, sagt er. „Das ist, als würden wir eine Maschine ölen.“ Denn wer sich mit dem Fahrrad auf den Weg mache, könne sich um mehr Menschen kümmern: Es braucht weniger Zeit, sie zu erreichen. Die Rolle des Fahrrads für die Entwicklungshilfe ist bislang nur unzureichend gewürdigt worden, dabei macht es überall einen Unterschied.

Für Bauern etwa: Wer verderbliche Lebens­mittel verkaufen will, der darf es nicht weit zum näch­sten Markt haben. Mit dem Fahr­rad aber las­sen sich nun liter­weise Milch, ganze Käfige mit Hüh­nern trans­por­tieren. Für Klein­bauern in Afrika ist das ein rie­siger Zuge­winn an Produk­tivität – sie kön­nen mehr verdienen. „Wenn man so ein Fahr­rad dann nach fünf Jahren wieder­sieht, dann sieht es aus like hell“, sagt F.K. Day. „Aber genau so muss es sein.“

Das Buffalo Bike ist simpel kon­stru­iert. Das verein­facht die Wartung.   (Foto: World Bicycle Relief)
Gefertigt in China, montiert in Afrika

Entsprechende Initiativen gab es schon reich­lich, mal spon­ser­ten sie den Trans­port ausge­mus­ter­ter Fahr­räder aus Europa, mal den Auf­bau von Fahr­rad-Werk­stät­ten in Mosam­bik. Eine Kieler Firma lässt gar in Ghana Bam­bus-Fahr­räder fer­tigen, als hippe Alter­na­tive zum her­kömm­lichen Fahr­rad für Europa. Aber ein massen­taug­liches und zugleich gün­stiges Fahr­rad für Afrika, das ist neu.

Gefertigt werden die Rahmen in China, mon­tiert aber wird in Afrika. In Kenia, Sambia, Malawi und Simbab­we wer­den die Räder in eige­nen Fabri­ken zusam­men­gebaut, ins­ge­samt 1.700 Mecha­niker sind inzwi­schen für Montage und War­tung ausge­bil­det. Wegen der simp­len Bau­weise ist an dem Fahr­rad aller­dings nicht viel zu warten. Knapp 32.000 Fahr­räder wur­den in diesem Jahr bisher gefer­tigt, zwei Drit­tel gin­gen für 120 bis 140 Euro in den Verkauf. Das rest­liche Drittel gibt es nur mit einem Deal: Bil­dung gegen radeln.

Radeln – in eine andere Zukunft

Denn wer kostenlos ein Fahrrad will, soll etwas dafür tun: Schüler dür­fen den „Büffel“ nur dann behal­ten, wenn sie ihn zwei Jahre lang für den Schul­weg benut­zen – und die Schule so lange fort­füh­ren. Das wird vorab ver­trag­lich verein­bart. Und weil Mädchen in vie­len Ent­wick­lungs­län­dern beim Schul­besuch benach­teiligt sind, gehen 70 Prozent der Schul­räder an Mäd­chen. Mehr als 120.000 Schüle­rin­nen und Schüler seien mitt­ler­weile auf die Weise mobil gewor­den.

Andere aber machen es wie die Frau aus Simbab­we, die kürz­lich beim ört­lichen Buf­falo-Händ­ler in der Haupt­stadt Harare auf­tauchte. Sie hatte sich in ihrem Dorf auf den Weg gemacht und 150 Kilo­meter zu Fuß zurück­ge­legt, um sich ein Fahr­rad zu kaufen – mit 161 Ein-Dol­lar- Noten, müh­sam ange­spart. Danach radelte sie heim. In eine andere Zukunft.

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Quelle:    dieser Artikel von Michael Bauchmüller wurde veröf­fent­licht in der SÜD­DEUT­SCHE ZEITUNG am 21. Oktober 2017

Wer ist Michael Bauchmüller?

Michael Bauchmüller, Jahrgang 1973, verfolgt in Berlin die Geschiche der Energie-, Umwelt und Entwick­lungs­politik. Für die SZ beglei­tete er seit 2001 einen Atom­aus­stieg, einen Wieder­ein­stieg und kurz darauf einen Wieder­aus­stieg, außer­dem ein knappes Dutzend Klima­kon­fe­renzen, den Sieges­zug erneu­er­barer Ener­gien und den Unter­gang ganzer Atom­müll­lager. Bauch­müller ist Volks­wirt und Absol­vent der Kölner Jour­na­lis­ten­schule, deren Vor­stand er heute ange­hört. 2013 wurde ihm der Umwelt­me­dien­preis zuer­kannt, 2014 der BAUM-Umwelt­preis. Frische Luft schnappt er auf dem Fahr­rad und beim Segeln.

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