Stufe für Stufe in eine verborgene Welt

Der Nordturm des St.-Petri-Doms in Bremen wird nur in Aus­nah­me­fäl­len für Besu­cher geöff­net. Es ist eine ge­heim­­nis­volle Reise, die bei den Ge­bets­­kerzen im Dom beginnt.

Blick vom Nordturm des St. Petri-Domes auf den Markt­platz mit dem Haus der Bürger­schaft (links) und dem Schüt­ting (Mitte).          (Foto:  Frank Thomas Koch)

Hinter schweren Türen verber­gen sich Schätze. Mal ist es wie auf Opas Dach­boden, mal wie in der Kulis­se eines Fan­tasy-Epos. Es ist eine ge­hei­me Welt, nostal­gisch und span­nend zugleich, die sich im Nord­turm des St.-Pe­tri-Doms verbirgt. Der ist, anders als sein Zwil­ling, der Süd­turm, der Öffent­lich­keit so gut wie nie zugäng­lich.

Los geht die Reise bei einer schwe­ren Holztür nahe den Gebets­kerzen. Nur wenige kön­nen Ein­lass gewäh­ren; die­ses Mal ist es Bau­herr Hermann Eibach, der den Schlüs­sel hat. Vor uns liegen rund 300 Stufen.

Der Nordturm des St.-Petri-Doms.  (Frank Thomas Koch)

Schummrig ist es auf der Wendel­treppe. Zu­nächst geht es 36 uner­wartet kom­for­table Stu­fen zum ersten Stock hinauf. Der obere Teil des Nord­turms sowie der heu­tige Süd­turm exis­tier­ten erst seit der großen Restau­rierung, erläu­tert Eibach, wäh­rend er voran steigt. Nach dem Ent­wurf des Archi­tekten Max Salz­mann und mit Bau­beginn 1888 wurde das Kon­strukt bis auf das dritte Geschoss abge­ris­sen und restau­riert. Fünf Jahre später waren beide Türme fertig.

Fundstücke aus roma­nischer Zeit

Plötzlich offenbart sich hinter einer Tür zur Lin­ken eine Kam­mer. Ihren Inhalt schluckt die Dunkel­heit, bis Eibach eine alte Gitter­lampe anschal­tet. Im Schat­ten der Ecken sen­ken mit ern­stem Blick christ­liche Skulp­turen ihre Häup­ter. Ent­lang der Wände reihen sich schmuck­volle Köpfe von Säulen. Fund­stücke aus roma­nischer Zeit sind sie, dieser Raum ist ein Zwischen­lager, sie sol­len in das Archiv. „Das sind Dinge, die hier Jahr­zehnte, viel­leicht Jahr­hun­derte lagern. Die kann man nicht einfach weg­tun“, gibt Eibach zu beden­ken. In der Mitte steht als qua­dra­tischer Käfig der Auf­zug. „Falls an den Glocken etwas repa­riert wer­den muss“, bemerkt der Bauherr.

Eine kurze Holztreppe führt in eine Zwischen­etage. Dort lagern haufen­weise Stühle, alle­samt Sitz­ge­le­gen­heiten aus dem Nord­schiff, das nur wäh­rend der Winter­monate bestuhlt ist.

Christliche Steinfiguren lagern in einer Kammer des ersten Stocks.  (Frank Thomas Koch)

Ein Geschoss darüber öffnet Eibach eine wei­tere Tür. In der Mit­te zieht der offe­ne Fahr­stuhl­schacht den Blick in das darun­ter­lie­gende Geschoss an. Aus der Vogel­per­spek­tive ent­deckt man Dinge, die vor­her unbe­achtet blie­ben: alte Lüster, Kar­tons, ein grüner Kranz für die Weih­nachts­zeit. Mit abeb­bender Fas­zi­nation dafür, gerät das eigent­liche Um­feld in den Fokus. Eine alte Uhr lehnt an der Wand, da­neben defekte Kir­chen­fen­ster und eine Gedenk­tafel für den Dom­pastor Johann Knüttel aus dem 17. Jahr­hun­dert. Noch mehr stum­me Zeugen befin­den sich hier: „Die roten Ziegel“, deu­tet Eibach auf das Mauer­werk. „Hier kann man sehen, dass der Dom aus Ziegel­stei­nen gebaut ist. Außen ist er nur aus Sand­stein umman­telt.“ Und die Uhr, die alt ist, wohl aber nicht antik. „Vor der Restau­rie­rung hatte der Dom keine Uhren“, klärt der Bau­herr auf, „erst danach.“ Über einen unschein­baren Flie­sen­stapel in der Ecke verrät Eibach: „Das ist die Reser­ve für die Bo­den­­flie­sen unten im Kirchen­schiff.“

Ein Ort, an dem Alt und Neu zusam­men­treffen

Etwa 60 Stufen und ein leichtes Waden­ziehen später taucht der Ein­gang zum Gewöl­be auf. „Die­se Tür bitte nur anleh­nen, nicht zuknal­len“, warnt ein Schild. Sie ließe sich sonst nur mit einem Vorschlag­ham­mer öff­nen – natür­lich nur von außen. Wer sich davon nicht abschre­cken lässt, betritt einen Ort, an dem Alt und Neu zusam­men­treffen. Eine lange Holz­brücke führt über das Gewölbe mit den typisch goti­schen Kreuz­rippen. Im spär­li­chen Licht schma­ler Fenster hält Eibach inne und weist auf die Kon­struk­tion von Ankern und Stahl­seilen, die an den Außen­mauern fixiert ist. „Bei einer goti­schen Kathe­drale gibt es einen seit­lichen Schub nach außen, auch weil der Dach­stuhl auf das Mauer­werk drückt“, erklärt er. Zwar gebe es ein Strebe­werk, das solche Kräfte ableite. „Hier hat man mit Ankern, die die Außen­mauern greifen, zusätz­lich abgesichert.“

Über den mächtigen Buckeln und Tälern aus dem 16. Jahr­hun­dert wan­dert man, bis die Brücke links abbiegt; dort geht es hinaus auf eine mit fili­granen Türm­chen, den Phialen, besetzte Balus­trade. Der Markt­platz liegt weit unten, das grüne Dach direkt hin­ter uns. Hoch ist es, dabei haben wir nicht mal die Hälf­te geschafft von der Strecke, die wir gehen wer­den. Mög­lich wäre noch mehr.

Eine der drei Dom­glocken, die im Nord­turm hängen. Eine vierte Glocke ist im Südturm.   (Frank Thomas Koch)

Zurück über die Holzbrücke und 19 Stu­fen höher, befin­det sich im vier­ten Stock der Motor des Auf­zugs. Hinter einer Fen­ster­front aus Blei­glas­rau­ten und einer Tür ist das Uhr­werk samt Antriebs­welle für die Zeiger. An den Wän­den aber haben „Fritz, 55“, „Wolf­gang, 09“ sowie andere mit Kuli und Ed­ding ihre Spuren hinter­las­sen. „Eine schreck­liche Sache“, fin­det Eibach. Besu­cher einer der sel­te­nen Füh­rungen am Kir­chen­tag vermu­tet er hin­ter dem Gekritzel.

Auf der linken Seite des Raumes geht die Trep­pe wei­ter, erheb­lich schma­ler als bis­her. Nach weni­gen Schrit­ten ist man bereits über dem Dach­first, doch sind es noch fast 80 weitere Stu­fen bis zur näch­sten Station: den Glo­cken. Die Treppe scheint end­los, und eine Zahl wie „80“ nimmt ver­blüf­­fende Dimen­sionen an. End­lich hält Eibach an und bit­tet in einen hohen Raum mit Fen­stern aus Holz­lamel­len, der Glocken­stube, in der drei der vier Dom­glo­cken hän­gen. Die vier­te, die „Brema“, läu­tet bei kirch­li­chen Festen im Süd­turm. Zwi­schen „Hansa“ und „Feli­ci­tas“ von 1951 befin­det sich mit der 4.800 Kilo­gramm schwe­ren „Maria gloriosa“ zwar nicht die größte, aber die ältes­te Glocke des Doms. 1433 fer­ti­gte sie der Erz­gießer Ghert Klinghe.

Domglocke aus dem Mittelalter

Von acht Domglocken aus dem Mittel­alter sei nur diese eine erhal­ten, berich­tet Eibach. Oft seien in den Welt­krie­gen Glocken ein­ge­schmol­zen und von der Rüstungs­in­du­strie verar­bei­tet wor­den. „Auch unser Dom hat so Glocken verlo­ren.“ Ver­ziert ist sie mit bib­li­schen Sze­nen, die beiden Neue­ren wir­ken dage­gen recht schlicht. „Eine Ebene höher könn­ten wir auf die Glocken herab­sehen“, schlägt Eibach vor.

Wie das wohl wäre, wenn jetzt die Glocken … – und dann setzt sich das Geläut auch schon in Bewe­gung. Die Schläge hal­len durch den Turm, die Luft vibriert regel­recht, der Körper auch. Vor Schreck setzt kurz das Herz aus. Dank der schrä­gen Lamel­len­fen­ster schallt der Klang über 30 Meter weiter unten jedoch char­mant über den Marktplatz.

Nur etwas für Schwindel­freie: Eine Spirale schein­bar end­lo­ser Stufen führt ins spitz zulau­fende Turm­dach.  (Frank Thomas Koch)

Zwar sind wir weit über den Dächern der Alt­stadt, doch die Höhe der Aus­sichts­platt­form im Süd­turm ist erst dort erreicht, wo die Mecha­nik der Uhr­zei­ger ist und der Fahr­stuhl endet. Hier kön­nen die Schwin­del­freien einen Blick in den Schacht wagen. Wo das Vergnü­gen im Süd­turm nach 265 Stufen in 68 Metern Höhe mit Blick über Bremen endet, beginnt es im Nord­turm erst. Stufe um Stufe geht es weiter durch den Anfang des Turmhelms.

Die endlosen Stufen des Doms

Der Atem stockt da, wo der qua­dra­tische Grund­riss des Turms in das Acht­eck des Daches über­geht. Wie eine fan­tas­tische Spirale ziehen sich schier end­lose Stufen an der nackten Wand des Turm­ke­gels bis zur Spitze. Das dün­ne Metall­ge­län­der scheint im gel­ben Schum­mer­licht kaum vor­han­den; mit dem spitz zulau­fen­den Turm­dach springt auch die Treppe mit stei­gen­den Metern weiter und weiter hervor. Ganz oben, man erahnt Tages­licht, gebe es eine Öff­nung sowie eine Platt­form, merkt Her­mann Eibach an – für even­tu­elle Repa­ra­tu­ren am Dach. „Ich habe aber noch nie gehört, dass jemand das musste.“

Man könnte aber doch, denkt man und beginnt den Auf­stieg, vorbei an ei­nem ver­las­se­nen Tau­ben­nest. Es ist luf­tig, links ist nur die kahle Wand, rechts geht der Blick frei nach unten. Nach 18 Stu­fen reicht es. Der Magen rebel­liert, eine auf­stei­gende Angst lähmt jeden Versuch, weiter­zugehen.
Nein, dort oben sei er noch nie gewe­sen, gibt Eibach zu. Der Archi­tekt Wich­mann aber. „Drei oder vier Mal in mei­nen 22 Jah­ren hier“, bestä­tigt er. Dort oben habe man einen grandio­sen Blick auf Bremen, sagt er. Eigent­lich. „Es ist ein Draht­spiegel­glas davor.“

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Quelle:    dieser Artikel von Kristina Bellach
wurde veröf­fent­licht im WESER-KURIER am 11.10.2017

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