Vor 30 Jahren belebte der Europarat den Jakobsweg neu

Die Muschel weist den Weg: Jakobsweg durch Spanien | © Andrea Krogmann

«Ich bin dann mal weg.»  Der Satz kommt einem heute fast wie von selbst über die Lip­pen, wenn das Thema auf den Jakobs­weg zu spre­chen kommt. Ja, manch einer hält sogar den Best­sel­ler von Hape Kerke­ling aus dem Jahr 2006 für den Aus­lö­ser des neuen Booms auf den mittel­al­ter­lichen Pil­ger­strassen nach San­tiago de Compo­stela. Dabei war der Zug damals schon in ziem­lich voller Fahrt.

Den Anstoss gaben 1982 Papst Johan­nes Paul II. und, vor genau 30 Jah­ren, der Europa­rat in Strass­burg. Am 23. Okto­ber 1987 erklär­te er den Jakobs­weg zum ersten euro­pä­ischen Kultur­weg und rief zur Wieder­be­le­bung dieser «euro­pä­ischen Kultur­be­we­gung» auf. Seit­dem sind von Jahr zu Jahr mehr Wall­fahrer und Wan­de­rer den «Camino» gegangen.

Ein Wegnetz quer durch Europa

In eine fast verebbte Tradition kam so all­mäh­lich neues Leben. Seit der Über­lie­fe­rung nach der Einsied­ler­mönch Pelagius, wohl im Juli 813, auf dem «Sternen­feld» (Compo­stela) im dama­li­gen Bistum Iria Flavia die Gebeine des Apostels Jakobus entdeckte, war Sankt Jakob (spanisch Santiago) Anzieh­ungs­ort für Pilger vom gesam­ten Konti­nent. Der Jakobs­weg, das ist ein Netz von Straßen und Wegen, die seit dem Mittel­alter Pilger vom Baltikum über Polen, Deutsch­land, der Schweiz und schließ­lich Frank­reich zum angeb­lichen Apostel­grab in Nord­spanien führten.

Pilgersteg Rapperswil | © Sylvia Stam

Die Urkunde bekommt bei weitem nicht jeder.

Die offizielle Pilgerurkunde bekommt bei weitem nicht jeder der Mil­li­onen San­tiago-Touris­ten jähr­lich ausge­händigt, die per PKW, Bus, Bahn oder Flugzeug anrei­sen. Man muss dazu min­des­tens die letz­ten 100 Kilo­meter bis San­tiago gewan­dert oder gerit­ten sein oder die letz­ten 200 Kilo­meter mit dem Fahr­rad zurück­gelegt haben. – Ob das E-Bike als recht neuer Freizeit­trend eben­falls gleich­be­rech­tigt gilt, harrt noch einer Entschei­dung.

2017 erhielten bereits rund 280.000 Pilger die Urkunde. Das ist wieder ‘mal ein neuer Rekord, der die bis­he­rige Best­marke aus dem Heili­gen Jakobs­jahr 2010 (272.412) hinter sich ließ. Ein Riesen­andrang auf die Helfer im Pilger­büro der Apos­tel­stadt. Zum Vergleich: Im gesam­ten Jahr 1981 kamen über­haupt nur 299 Pilger an, so wenige wie heute im August bin­nen eini­ger Stun­den. 1984 waren es immerhin schon 423.

Weckruf von Papst Johannes Paul II.

Dazwischen lag der flammende Appell des polnischen Papstes Johan­nes Paul II., der am 9. Novem­ber 1982 aus San­tiago de Compo­stela einen Weck­ruf sandte: «Noch im­mer kannst du Leucht­turm der Zivi­li­sa­tion und Anreiz zum Fort­schritt für die Welt sein. Die ande­ren Konti­nente blicken auf dich – und hof­fen, von dir die Ant­wort des heili­gen Jakobus zu hören, die er einst Christus gab: ‘Ich kann es!’»

Auf dem Jakobsweg | © pixabay.com

Von da an entstand ein neues Bewusstsein für die euro­pä­ische Dimen­sion des Jakobs­pil­gerns. Und der Euro­pa­rat griff die Idee auf. Seit den 1990er-Jah­ren schoss die Zahl der Pilger in die Höhe. Nicht alle frei­lich waren reli­giös unter­wegs; manche sport­lich, manche kultu­rell; manche aber auch auf der Suche nach sich selbst.

Nicht alle waren religiös unterwegs.

Die Zahlen von heute bringen manche Auswüch­se der Kom­mer­zia­li­sierung mit sich: Pauschal­tou­rismus, organi­sierte Ruck­sack­trans­porte, sogar Gepäck­verbot in der Kathe­drale von Santiago, im­mer­hin das ganz große Ziel eines jeden Pilgers. Das ruft inzwi­schen auch Kriti­ker auf den Plan: Der Jakobs­weg werde konsu­miert, samt der Land­schaft und der Leute am Wegrand.

Die «harten» Pilger weichen aus

Aber Not – wenn das schon Not ist – macht auch erfin­de­risch: Die «har­ten» Pilger weichen auf Neben­strecken und auf Wander­schaft außer­halb der Saison aus. Und es ent­ste­hen immer neue Pro­jekte, die dem Muster der Jakobs­wege folgen, oder es vari­ieren: sich auf dem Weg einer guten, interes­santen oder span­nen­den Sache heraus­fordern zu lassen.

Jakobspilger am Genfer See | © Walter Wilhelm

So gibt es seit einigen Jahren etwa die euro­pä­ischen Martins­wege auf den Spu­ren des heili­gen Martin. Dort soll es weni­ger ums Ankom­men gehe und mehr um das Gemein­same auf dem Weg gehen: Erfah­run­gen zu tei­len, wie einst der hei­lige Martin sei­nen Mantel mit dem Bettler teilte. In Deutsch­land ist zuletzt ein soge­nan­nter Hilde­gard­weg ent­stan­den auf den Spuren der Kirchen­leh­rerin Hilde­gard von Bingen.

«Vorwärts, immer weiter!»

Den Takt gibt aber, zumindest was die Zahlen angeht, weiter der Jakobs­weg an. «Ultreia!», so lau­tet dort seit alters­her der Pilger­gruss: «Vorwärts, immer weiter!» – «Ultreia» also zu neuen Pil­ger­rekor­den. Spätes­tens in den näch­sten «Heiligen Jahren», wenn der 25. Juli, das Jakobus­fest, wieder auf einen Sonntag fällt. Die nächs­ten Termine dafür sind 2021, 2027 und 2032.

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Quelle:   dieser Artikel von Alexander Brügge­mann wurde veröf­fent­licht auf kath.ch am 14. Okto­ber 2017

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