PILGERREISE. Nadine Böttcher hat 215 Kilo­meter auf dem Jakobs­weg zurück­ge­legt. Warum dies eine enorme Leis­tung der gebür­tigen Bernbur­gerin gewesen ist.

215 Kilometer auf dem Jakobsweg

Als Nadine Böttcher am 27. März die Kathe­drale von Santiago de Compo­stela erreichte, schossen ihr keine großen Gedan­ken durch den Kopf. «Ich war einfach nur platt. Auf dem Jakobs­weg habe ich gar nicht über das Ankom­men nach­ge­dacht, son­dern über mein Leben an sich. Erst später auf dem Platz habe ich reali­siert, dass ich es geschafft habe», erzählt die gebür­tige Bern­bur­gerin. Dabei liefen auch ein paar Tränen die Wan­gen der 29-Jäh­rigen entlang.

Nadine Böttcher vor einer Säule kurz vor dem Zielort des Jakobsweges in Santiago de Compostela (© Nadine Böttcher)

Dass Nadine Böttcher die 215 Kilo­meter von Ponfer­rada nach Santiago de Compo­stela per Fuß zurück­gelegt hat, ist keine Selbst­ver­ständ­lich­keit gewe­sen. Denn die junge Frau besitzt ein Handi­cap in Form einer Gehbehin­derung.

Seit ihrer Jugend leidet sie unter der Krankheit Lipödem. Dies ist eine Fett­ver­tei­lungs­störung, die sich meist zuerst in den Beinen und dann auf die Arme ausbrei­tet. Etwa 10 Pro­zent aller Frauen leiden unter dieser Krank­heit, die vor allem eines ist: sehr schmerz­haft. «Es fühlt dich an wie ein mieser Muskel­kater», beschreibt Nadine Böttcher, der die Schwel­lun­gen und Schwere­gefühle in den Beinen oft zu schaffen machen und sie in ihrem all­täg­lichen Leben einschränken.

OP gegen die Schmerzen

So kann Nadine Böttcher fast keinen Sport treiben. «Das nervt mich am meisten. Ich bin früher gern gerit­ten oder Rad gefah­ren. Das ist nun nicht mehr möglich», sagt sie. Auch all­täg­liche Dinge wie das Trep­pen­steigen fallen ihr schwer. «Vor neun Jahren gingen die Schmer­zen richtig los, vor drei Jahren war der Punkt dann erreicht, an dem ich entschie­den habe, dass etwas pas­sie­ren muss», erzählt Nadine Böttcher, die Kompres­sions­strümpfe trägt und zwei­mal die Woche für eine Stunde zur Lymph­drai­nage geht, um die Schmer­zen zu verringern.

Abhilfe soll aber nun eine Ope­ra­tion brin­gen, bei der mehr­fach Fett aus den betrof­fenen Stellen abge­saugt wird. «Dafür sind meh­rere OP´s nötig, denn es darf nicht zu viel Gewebe mit einmal abge­saugt werden. Das verkraf­tet der Körper nicht», erklärt Nadine Böttcher, die sich zurzeit auf der Suche nach einer geeig­neten Klinik befin­det. Denn nur wenn der Eingriff gut verläuft, hat sie eine Chance, dauer­haft schmerz­frei leben zu können. Doch die Studen­tin für Erzieh­ungs­wis­sen­schaften und Sozial­pä­da­gogik aus Halle weiß: Eine Garan­tie gibt es nicht. «Ich wäre froh, für ein paar Jahre ein bes­se­res Leben führen zu können. Denn mir ist oft lang­wei­lig, da es nicht viele Dinge gibt, die ich machen könnte», sagt Nadine Böttcher, die einfach nur so leben will, wie sie es gerne möchte.

Nicht so schlimm wie gedacht

Den Wunsch einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg hat sich Nadine Böttcher nun erfüllen können. Aufgrund ihrer Krankheit habe sie sich zunächst schlichtweg nicht getraut, diese Wanderung in Angriff zu nehmen. Doch dann sei der Groschen plötzlich gefallen: «Ich habe mir gedacht, niemand zwingt mich, täglich eine bestimmte Kilometeranzahl zu laufen. Denn ich hatte herausgefunden, dass man auch nur zehn oder 15 Kilometer am Tag gehen kann und das hielt ich für möglich. Damit hatte ich keinen Grund mehr, Nein zu sagen», erklärt die 29-Jährige, die ihren Fußmarsch am 8. März startete und im Schnitt 11,8 Kilometer am Tag zurücklegte. Mit dabei: Trekkingstöcke und ein kleiner Handwagen (Anmerkung von Nadine: Es handelt sich hier um einen Rucksackwagen, der mit einem Bauchgurt gezogen wird. Also kein Handwagen im klassischen Sinne). Denn aufgrund von Rückenproblemen war es ihr nicht möglich, einen Rucksack zu tragen.

Die Strecke beschreibt Nadine Böttcher als sehr anspruchs­voll, aber auch abwechs­lungs­reich. Von Beton-, Asphalt- und Schotter- sei bis Kies und Wald­wegen alles dabei gewe­sen. Auch das Wetter war wechsel­haft und nur zwei­mal war es so kalt und nass, dass sie es vorzog, mit einem Taxi zur nächs­ten Her­berge zu fahren. Den Rest bewäl­tigte sie zu Fuß.

«Letztlich war die Reise nicht so schlimm, wie ich es gedacht hatte, denn ich konnte meine eigene Geschwin­dig­keit laufen und hatte Zeit», sagt sie.

Übernachtungsmöglichkeiten auf der Strecke habe es schließ­lich genug gegeben und auch die Leute vor Ort seien stets hilfs­bereit gewe­sen. «Ich habe auf die­sem Trip Menschen aus aller Welt ken­nen­ge­lernt, mit denen ich zum Teil noch in Kontakt stehe. Das war für mich eine der schön­sten Erfah­run­gen auf dieser Reise», meint Nadine Böttcher, die ihre gesam­mel­ten Erleb­nisse und Eindrücke in einem Internet-Blog nieder­ge­schrie­ben hat, den sie seit einem Jahr betreibt.

Dort berichtet sie auch von ihrem all­täg­lichen Leben sowie der Lipö­dem-Krank­heit, über die sie auf diesem Wege auf­merk­sam machen möchte. Des Wei­te­ren will Nadine Böttcher mit ihrem Blog ande­ren betrof­fenen Frauen Mut machen. Dafür hat sie in Halle auch eine Selbst­hilfe­gruppe für an Lipö­dem erkrank­te Frauen gegrün­det, die schon über zehn Frauen umfasst.

«Ich will damit errei­chen, dass sich betrof­fene Frauen, wie ich mit dieser Reise, Dinge trauen, die sie auf­grund ihrer Krank­heit nicht für mög­lich halten», sagt Nadine Böttcher.

 

► ­­    weitere Infos und Blog von Nadine Böttcher mit dem Titel „Mit Wanderstab und Kompri – Vorwärtskommen trotz Lipödem“

 

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Quelle:    dieser Artikel von Tobias Schlegel wurde veröffentlicht im Bern­burger Kurier/MZ am 2. Oktober 2017

Wunsch nach Normalität

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