Eva-Maria Wolf pflegte ihren schwer kranken Mann und will nun auf dem Jakobsweg Spenden für die Forschung erpilgern.

Für jedes Jahr des Zusammenlebens

Für jedes Jahr des Zusammen­lebens mit Parkinson ein Tag auf dem Jakobs­weg in Spanien. 28 Tage ins­ge­samt. Eva-Maria Wolf aus Mühl­hausen ist 69, mehr als ein Drittel ihres Lebens hat sie mit Parkinson verbracht.

28 Jahre Lebensgeschichte mit Parkinson

14 ist sie, als sie Günter trift. Günter studiert zu die­sem Zeit­punkt Theo­logie, schwenkt später um und wird Inge­nieur für Textil­technik. Fortan arbei­tet er als stell­ver­tre­tender Direktor für Forschung und Entwick­lung in einem Textil­betrieb in Leinefelde, später in Mühlhausen.

Bei einer Dienstreise nach Plauen im Vogtland 1988 wird Günter von einer Wespe gesto­chen. 43 ist er, hat zuhause zwei Kinder im Teen­ager-Alter. Der Stich löst bei ihm einen anaphy­lak­tischen Schock mit Sauer­stoff­mangel im Gehirn aus. Die Folge: ein Parkin­son-Syndrom. Eine «echte Parkin­son-Erkran­kung hätte sich mit Medi­ka­menten eindäm­men lassen; aber alle Medizin schlug nicht an», weiß die 69-Jährige.

Zwölf Jahre lang leiten beide eine Selbsthilfe­gruppe in Mühl­hausen, reisen so gut es ging – nach Sizi­lien, sogar nach Südaf­rika – und fahren zur Kur.

Rückblick

«Die ersten Jahre war das Leben noch in Ordnung, in den letzten wurde es extrem anstren­gend», sagt die Mühlhäu­serin. Ihr eigenes Leben gibt sie mehr und mehr auf. «Wie sehr das Leben an mir vorbei­gezogen ist, das habe ich im Frühjahr gemerkt, als ich mit meinem Enkel in Dubai war. „Steh mal auf für die alte Lady“ hat da einer in der U-Bahn gesagt.» Und sie rea­li­siert: Sie ist alt gewor­den in den Jahren. 28 Jahre leben mit der Krank­heit, mit einem Mann, dessen Muskeln immer schwächer wurden, ehe sie letzt­lich ganz versag­ten, haben auch bei ihr Spuren hinterlassen.

«In all den Jahren der Krankheit kam von Bekann­ten die Frage danach, warum ich mir das antue, warum ich mich nicht von Günter trenne. Das wollte ich nicht. Aber letzt­lich war sein Tod Erlösung – für uns alle.» Dieses Wissen und der Glaube hätten die Christin die Trauer verar­beiten lassen. Das Einzige, was sie sich gönnt, das sind Wan­de­rungen mit dem Wald­verein. Sie bringen soziale Kontakte. Mehr ist nicht drin. Günter sträubt sich selbst gegen einen einwöch­igen Aufent­halt in einem Pflege­heim. «Er hat neben der Familie über­haupt nur noch einen an sich heran gelassen, das war unsere Pflege­kraft, die in den letz­ten Jahren zwei-, dreimal die Woche zu uns nach Hause kam.» Diese Frau, eben­falls eine Mühlhäu­serin, will Eva-Maria Wolf auch auf dem Jakobsweg begleiten.

Wegpaten sollen gefunden werden

Mit Stephanie Heinze (49) aus Frankfurt am Main will sie im April den Jakobs­weg pilgern – zwischen Santander nach Santiago de Compostela, 560 Kilometer. 28 Tage haben sich die Frauen dafür Zeit genommen.

Seit 2009 und einer Sport­therapie kennen sie einander. Es entwickelt sich eine inten­sive Freund­schaft und irgend­wann auch der Wunsch nach einer gemein­samen Wanderung auf dem Jakobsweg – zugunsten der Parkin­son­forschung und der Hilde-Ulrichs-Stiftung.

Dafür suchen sie Wegpaten. 25 Euro pro Kilo­meter wollen sie erpilgern. Den Flug nach Spanien, Übernach­tungen, Verpflegung für unterwegs – zahlen sie selbst. Die Spenden sollen komplett ins Projekt fließen. «Wir wollen Parkin­son-Kranken und Ange­hö­rigen Mut machen, ihren Weg zu gehen, nicht aufzu­geben. Aus Erfah­rung wissen wir, wie wichtig es ist, aktiv im Leben zu blei­ben und sich weiter­hin Ziele zu setzen», sagt Frau Wolf. Und auf dem Pilger­weg will sie zu sich kommen. «Dann möchte ich auch mit der Krank­heit abschließen.»

►   Einzelheiten und weitere Informationen
►   unser Bericht zum Thema vom 16. Oktober 2017

 

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Quelle:    Dieser Artikel von Claudia Bachmann wurde in der THÜRINGER ALLGEMEINE veröffent­licht am 18. November 2017

28 Jahre Leben mit Parkinson

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