Rezeptvorschlag für ein ganzes Jahr

Man nehme zwölf Monate, putze sie ganz sauber von Bitter­keit, Geiz, Pedanterie und Angst –  und zerlege jeden Monat in 30 oder 31 Teile, so dass der Vorrat für genau ein Jahr reicht.

Es wird jeder Tag einzeln angerichtet, aus einem Teil Arbeit und zwei Teilen Frohsinn und Humor.

Man füge hinzu:

  • drei gehäufte Esslöffel Optimismus,
  • einen Teelöffel Toleranz,
  • ein Körnchen Ironie und
  • eine Prise Takt.

Dann wird die Masse sehr reichlich mit Liebe übergossen.

Das fertige Gericht schmücke man mit einem Sträuß­chen kleiner Aufmerk­sam­keiten und serviere es täglich mit Heiter­keit und mit einer guten Tasse Tee.

 

Dieses Rezept ‚für ein ganzes Jahr‘ wurde verfasst von Catharina Elisabeth Goethe (1731-1808) – und wieder entdeckt von Rita. Herzlichen Dank.

Portrait von Catharina Elisabeth Goethe  (1731-1808)

Catharina Elisabeth Goethe, Mutter von Johann Wolfgang Goethe, wird als eine geist­reiche und warm­her­zige Frau beschrie­ben. In ihren über 400 erhal­tenen Briefen zeigte sie sich witzig und selbst­bewusst. Sie pflegte zahl­reiche Freund­schaf­ten, so zu Bettina von Arnim, und war der Mittel­punkt eines gast­freund­lichen Haus­hal­tes. Die Grafen Frie­drich und Leopold zu Stolberg nannten sie die Frau Aja oder Mutter Aja, nach der Mutter der vier Haimons­kinder aus dem gleich­namigen Volks­buch. Dieser Spitz­name blieb ihr zeitlebens erhalten.

Sie selbst schrieb 1785 an ihre Freundin Charlotte von Stein: „Zwar habe ich die Gnade von Gott, daß noch keine Menschen­seele miß­ver­gnügt von mir weg­ge­gan­gen ist – weß Standes, alters und Geschlecht sie auch geweßen ist – Ich habe die Menschen sehr lieb.“

Von ihrem Tod ist überliefert, dass sie sich noch auf dem Sterbe­bett um jedes Detail für ihren eigenen Leichen­schmaus küm­merte. Einem Dienst­mäd­chen, das die Einla­dung zu einer Gesell­schaft über­brachte, antwor­tete sie: „Richten Sie nur aus, die Rätin kann nicht kommen, sie muss alleweil sterben!“

►   zurück

Kommentar verfassen