Steil steigt der Weg durch den Wald. Es riecht nach Euka­lyp­tus. Der Atem geht schwer. Der Ruck­sack drückt auf die Schul­tern. Son­nen­stra­hlen kämpfen sich durch die Blät­ter­dächer und zau­bern kunst­volle Muster auf Baum­stäm­me, Wurzeln, Farne. Nach Ende des Anstiegs entspannt sich die Lage. Der Weg zieht sich zwischen Wiesen und Rinder­weiden dahin. Nicht mehr lange, dann ist es für heute geschafft, die nächste Pilger­herberge erreicht.

Dieses authentische Pilgerfeeling, das sich, wie hier in Galicien zwi­schen Melide und Boente, einstellt, wollen im­mer mehr Menschen erleben. In Boente, wo Ankömm­linge in der Dorf­kirche zu einer far­bigen Jako­bus­skulp­tur im Hoch­altar auf­blicken, fehlt nicht mehr viel bis zum sehn­süch­tig erwar­teten Ziel Santiago de Com­postela. Zwei stram­me Tages­etap­pen, dann ist die Stadt des hei­ligen Apos­tels Jakobus erreicht. Dort hat das Pilger­büro nun einen neuen Rekord der Ankömm­linge im letz­ten Jahr vermel­det. Erst­mals wurde die Schall­mauer von 300.000 durch­bro­chen. Nie­mals haben nach­weis­lich mehr Pilge­rinnen und Pilger die Com­po­stela-Urkun­de erhal­ten, die es für jene gibt, die per Stem­pel­folge im Pil­ger­pass nach­weisen kön­nen, mindes­tens die letz­ten 100 Kilo­meter nach San­tiago de Com­po­stela zu Fuß bzw. die letz­ten 200 Kilo­meter mit dem Rad zurück­gelegt zu haben.

 

Statistik

301.036: Diese Zahl für das Jahr 2017 ist in Dimen­sionen vor­ge­sto­ßen, die einst unvor­stell­bar schie­nen. Ende der Acht­ziger Jahre, als die Renais­sance des mit­tel­alter­lichen Aben­teuers Jakobs­weg in den Anfängen stand, trafen ledig­lich einige tau­send Pilger in San­tiago de Com­postela ein und erhiel­ten ihr Pilger­diplom. Erst dann geriet die Welle lang­sam, aber unauf­haltsam ins Rollen, ange­spornt durch den Willen zur persön­lichen Auszeit, den Glauben, sport­lichen Ehr­geiz, land­läu­fige Neugier, Berichte, Filme, Best­seller, Mund-zu-Mund-Pro­paganda. Wer den Jakobs­weg bewäl­tigt, so heißt es in Pil­ger­krei­sen, kehrt nicht als der Mensch zurück, als der er aufge­brochen ist. Daran hat auch der verstär­kte Zulauf nichts geän­dert. Aller­dings kann sich der klas­sische Haupt­weg, der sich vom Pyre­näen­pass Ibañeta rund 750 Kilo­meter west­wärts nach San­tiago de Com­po­stela zieht, vor allem in der Haupt­saison erheb­lich füllen. Dann kann es zu Eng­päs­sen bei der Unter­kunft­suche kommen.

Hauptsaison bedeutet: Hochsommer, wenn aus Grün­den von Urlaub oder Semes­ter­ferien die meisten Wall­fahrer unter­wegs sind. Vergan­genen Juli tra­fen 47.470 Pilger in San­tiago ein, im August 57.680, also bis zu 2.000 pro Tag. Um den Massen zu ent­gehen, ent­schei­den sich zuneh­mend mehr Aufbrüch­ler, es in der käl­teren Jahres­zeit zu versu­chen – trotz höhe­rer Regen­wahr­schein­lich­keit, mög­licher Schnee­fälle in den Pyre­näen und Eis­winden, die zwi­schen Burgos und Astorga über Nord­spaniens Hoch­ebene peit­schen können. Letz­ten Nov­em­ber schaff­ten es 7346 Pilger heil nach Santiago, im Dezember 2893.

Blickt man auf die jetzige Rekord­statis­tik, haben die Spanier, wie immer, die Nase vorn (132.478). Ihnen folgen Italiener (27.073), Deutsche (23.227), US-Ameri­kaner (17.522), Portu­giesen (12.940), Fran­zosen (8.835) und andere Ankömm­linge aus weit über hun­dert Län­dern. Im Detail nirgend­wo erfasst sind die zusätz­lichen Besucher­mil­lionen in San­tiago de Com­po­stela oder Pilger, die es gar nicht nach dort schaf­fen wol­len, weil sie ein­fach mal ein, zwei, drei Wochen auf Jakobs­weg­strecken durch Frank­reich, Deutsch­land oder andern­orts wandern oder radeln. Interes­sant bei den Berufen ist, dass die Löwen­anteile auf Ange­stellte (25,7 %), Studen­ten (18,8 %) und Rentner (12,6 %) entfallen.

Und in Zukunft?

Ob die jetzige Zahl ein Rekord für die Ewigkeit ist, steht zu bezwei­feln. Seit Jahren zeigt die Kurve nach oben, von 237.882 (2014) über 262.447 (2015) bis 277.854 (2016). Erfolgs­faktoren des Jakobs­wegs sind die hervor­ragend aus­ge­baute Infra­struktur und all die Wech­sel­spiele: Land­schaf­ten und Monu­mente, Dörfer und Städte, das Unter­wegs­sein zwi­schen Selbst­besinnung und großer Pilgergemeinschaft.

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Quelle:    Dieser Artikel von Andreas Drouve wurde veröffentlicht
in ALTÖT­TINGER LIEBFRAU­EN­BOTE am 15. März 2018

Jakobsweg – Neues Rekordjahr

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