Immer mehr Zeitgenossen sind fasziniert vom Pilgern. Seit mehr als 25 Jahren ist Raimund Joos auf dem Jakobs­weg unter­wegs. Der Profi weiß viel zu erzäh­len über die Geheim­nisse des Weit­wan­derns mit allen Sinnen.

 

Herr Joos, weshalb pilgern heute Menschen?

Das ist vor allem der Wunsch nach einem authen­tischen, also direkten Einlas­sen auf die Welt, auf ein ganz direk­tes Erle­ben. Wir haben im­mer mehr virtu­elle Welten, immer mehr, was nicht mehr original ist, im­mer mehr Kopien auch in der Dar­stel­lung im Inter­net. Da fehlt einfach der direkte Kontakt zur Welt und zum Men­schen. Und das bietet das Pil­gern an, da ist man geer­det. Mit jedem Schritt merkt man dieses Geerdet-Sein.

Seit wann gibt es das Pilgern überhaupt?

Ich behaupte mal, das gibt es schon solan­ge es Men­schen gibt. Das ist ganz tief im Men­schen drin, dass er über sei­nen Horizont hinaus möchte. Das findet man schon in der ältes­ten Lite­ratur. Das Pil­gern ist auch über­reli­giös. Es beginnt im­mer mit dem Sich-Aufmachen, mit dem Aufbrechen. In die­sem Sinne, meine ich, waren Abraham, Mose oder Jesus auch Pilger. Jesus wan­derte zuerst in die Wüste und begann danach sein öffent­liches Wirken. Da wird etwas Altes aufge­bro­chen und heraus kommt etwas Neues. Das ist der Kern des Pil­gerns und das macht hof­fent­lich auch das heutige Pilgern aus.

Besonders der Jakobsweg ist bei Pilgern beliebt
Pilgern war also in seinen Anfängen eine Reise ins Fremde und Ungewisse. Was war denn bis zum Mittel­alter die Inten­tion einer Pilgerreise?

Pilgern heißt ja eigentlich „fern des Ackers“. Man hatte früher die abge­grenz­te Welt des Dorfes, die Sicher­heit gegeben hat. Um das Dorf herum war der Acker. Und dann kam der Wald, wo die Welt zu Ende war. Und wer über den Acker hinaus­ge­gan­gen ist, hat sich in Unsicher­heit begeben. Dieses Sich-vom-Acker-machen prakti­zierten etwa früh­christ­liche Mönche. Die sind in die Ferne gegan­gen, um in die Ferne zu gehen. Es ging also nicht darum, irgend­wo anzu­kom­men. Es gibt teil­weise heute noch Pilger­wege, die Rundwege sind.

Im Mittelalter änderte sich die Form des Pilgerns. Das Pilgern war zwar eine Reise ins Fremde und Ungewisse, aber man suchte jetzt meis­tens bestimmte Orte auf, wie Jeru­salem, Rom oder das Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela.

Wer sie sieht, ist am Ziel des Jakobswegs angekommen: die Kathedrale von Santiago de Compostela
Warum diese Zielsetzungen?

Ja, später kam dann dieses Pilgern im Sinne von Wallfahren auf, um an einem bestimmten Ort besonderes Heil oder auch Heilung zu erfahren. Die Begriffe Pilgern und Wallfahren werden sehr oft vermischt und ganz trennen lassen sie sich auch nicht. Wer zum Beispiel nach Santiago de Compostela pilgerte, hatte zwar ein bestimmtes Ziel, aber es war dennoch für die Menschen ein Risiko auf dem Jakobsweg zu pilgern. Im Grunde waren sie aber auch Wallfahrer. Die frühen Christen kannten noch keine Pilgerorte. Erst später, als sich die Institution Kirche etabliert hatte und es großartige Kathedralen und besondere Orte gab, wurde dieses Wallfahren moderner.

Wallfahrten wurden schließlich unter­nom­men, um bei­spiels­weise ein Gelübde zu erfül­len oder einen Ablass von Sün­den­strafen zu bekom­men. Hinter letzte­rem stand ein falsches christ­liches Leis­tungs­denken: Wenn ich mich anstrenge, bekom­me ich Gottes Verge­bung. Dann trat 1517 der Refor­mator Martin Luther auf den Plan. Er sagte, Gottes Gnade bekommt ein Mensch allein aus dem Glau­ben an Gott und nicht wegen eigener Anstren­gung und Verdienste. Luther nannte das Pilgern ein „Narrenwerk“.

Luther hatte natürlich recht mit seiner Kritik an der Kirche: Gött­liches Heil kann nicht durch Geld oder Leis­tung „erkauft“ und auch nicht „erpil­gert“ werden. Ich meine aber auch, wir müssen uns heute davor hüten, dass dieses Denken in unse­rer Leis­tungs­gesell­schaft nicht wieder durch die Hinter­tür aktuell wird. Es ist zum Beispiel so, dass die katho­lische Kirche in Santiago neuer­dings Pilger­zeug­nisse ausstellt, in denen amt­lich beschei­nigt wird, in welcher Zeit man wie viele Kilo­meter gepil­gert ist und anhand von täg­lich zwei Stempeln im Pilger­pass prüft, ob die Leute auch wirk­lich alles abgelau­fen sind. Dieses Denken ist mittel­alterlich – nur modern verpackt.

In der Natur und fernab der techni­sierten Welt wollen einige Pilger zur Ruhe kommen und sich neu besinnen

Ende des 20. Jahrhunderts hat sich die Bedeu­tung des Pil­gerns noch einmal gewan­delt. Zwar wird es auch heute noch häufig aus reli­giösen Motiven unter­nom­men, doch viele, die mit­machen, sehen darin vorran­gig die Mög­lich­keit, dem hek­tischen Alltag zu entflie­hen, sich zu besinnen.

Welche Erfahrungen machen Sie als Profi-Pilger auf dem Jakobsweg?

Es war lange Zeit so, dass das Aussteigen aus dem Alltags­trott, einfach zu leben, in der Natur zu sein, den Horizont zu erwei­tern fast schon garan­tiert war. Wenn ich früher auf dem Jakobs­weg unter­wegs war, hatte ich besten­falls mal in einer Bar einen Fern­seher. Und da kamen nur spa­nische Nach­richten, die mich wenig interes­siert habe oder man hatte in einer Bar ein Telefon, sodass man mal zuhause anrufen konnte. Heute ist es so, dass im­mer mehr von der moder­nen Welt auf den Jakobs­weg kommt. Das kann man nicht vermei­den und das ist auch nicht zu verteufeln.

Welche Gefahr sehen Sie darin?

Ich sehe durchaus die Gefahr darin, dass man beson­ders auf dem Camino Francés in fast jeder Herberge WLAN hat. Und da sit­zen dann die Pilger mit dem Smart­phone, schauen sich die Nach­richten aus aller Welt an, checken ihre E-Mails und kom­mu­ni­zieren mit ihren Freun­den daheim, aber nicht mehr mit den ande­ren Pilgern. Sie sind eigent­lich mit den Füßen auf dem Weg, aber mit dem Kopf im Alltag. Deswegen muss man sich heute als Pilger sehr bewusst dafür ent­schei­den, den Jakobs­weg so zu machen, wie er eigent­lich sein sollte – nämlich als Ort, wo man loslas­sen kann. Die Tendenz ist tat­säch­lich, dass es im­mer stres­siger wird auf dem Weg, der eigent­lich das Gegen­teil bewirken soll.

Gibt es ein Geheimnis des Pilgerns?

Das ist eben das Geheimnis, dass man Geheim­nisse nicht so einfach beschrei­ben kann. Es kom­men im­mer wieder Leute vom Jakobs­weg zurück, die sagen, irgend­was ist da, eine Energie, ein Gefühl. Dieses Geheimnis – man muss einfach die Augen öffnen und sein Herz öffnen, dann wird man das unter­wegs sehr oft spüren. Ich glaube, dieses Geheimnis des Pilgerns liegt im Loslas­sen, dass man sich einfach auf etwas Neues einlässt, mit der Welt Kontakt aufnimmt, Dinge an sich heran­kom­men lässt, durch die Langsam­keit neue Entdeckungen macht.

Austausch auf dem Jakobsweg: Bundeskanz­lerin Angela Merkel und Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy 2014
Wie lange wirken solche Erfahrungen?

Diese Geheimnisse sind, wenn man einmal die Augen geöffnet hat, nicht nur auf dem Jakobs­weg zu fin­den, son­dern man trifft sie auch später im Alltag. Und dafür ist der Jakobs­weg gut. Das soll ja kein losge­löster Hippie-Urlaub sein, auf dem man mal ausflippt. Es geht darum, das Spiri­tuelle ernst zu nehmen, etwas für sich und die Welt zu lernen, was dann im Alltag nachhal­tig ist.

Hat der Berufs-Pilger Raimund Joos einen Wunsch für die Entwicklung des Pilgerns?

Ich habe den Wunsch, dass das Pilgern wirklich etwas mit dem „fern des Ackers“ sein zu tun behält, dass man das Pilgern wirk­lich als Heraus­for­derung wahr­nimmt. Meine Vision ist ein Welt­friedens­weg, der die ganze Welt umspannt und der verschie­dene Pilger­orte mit­ein­ander verbin­det. Auf diesem Welt­frie­densweg soll es eine Art Staffel­lauf geben, der symbo­li­siert, dass diese Welt zusam­men­gehört und dass es ein Mensch, ein Land, eine Religion eben nicht alleine schaffen kann.

Mehr Frieden auf dieser Welt bedingt zunächst, mehr Frieden mit sich selbst zu schließen. Und da, meine ich, sind viele noch nicht so weit. Wenn man sich die Leute anschaut, die Unfrieden schaffen in der Welt, dann glaube ich, dass die zuerst in Unfrieden mit sich selbst sind. Denen würde der Jakobsweg gut tun.

Dr. Raimund Joos (*1968) lebt im bayerischen Eichstätt. Er studierte Pädago­gik, katho­lische Theo­logie und etwas Spanisch. Seit 1992 pilgert er auf den Jakobs­wegen in Spanien, Frank­reich, Portugal und Deutsch­land. 2004 machte er diese Leiden­schaft zum Beruf. Joos ist als Reise­buch­autor sowie Reise- und Seminar­leiter für die Jakobswege aktiv.

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Quelle:   Das Gespräch führte Klaus Krämer. Dieser Artikel von Klaus Krämer wurde veröffentlicht von DW am 1. April 2018

Berufs-Pilger Raimund Joos: Neues entdecken durch Langsamkeit

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