Immer mehr Menschen in Westeuropa sind vom „Pilger­virus“ befallen, sagen Fach­leute fürs Pilgern. Viele verlas­sen in den nächs­ten Monaten ihre Komfort­zonen und begeben sich für eine Weile auf hol­perige und krumme Wege.

Unterwegs zum Horizont und zu sich selbst

Die Pilger-Saison beginnt. Gepilgert wird in beinahe allen großen Religionen. Vermut­lich aber hat das Pilgern seinen Ursprung in der jüdisch-christ­lichen Tradition. Diese kleine Bilder-Reise jedenfalls lässt diesen Schluss zu.

Immer mehr wollen mal weg sein

Das Pilgern boomt nicht erst seit dem Buch „Ich bin dann mal weg“ des Komi­kers, Autors und Schau­spielers Hape Kerkeling. Darin doku­men­tierte er 2006 seine Pilger­reise auf dem Jakobs­weg nach Santiago de Compo­stela. Nein, Fach­leute sagen, dass seit den 1970er Jahren die Bereit­schaft des beseel­ten Unter­wegs­seins in christ­licher Tradi­tion in zahl­­rei­chen Län­dern deut­lich zugenom­men hat.

Immer mehr wollen mal weg sein
Jenseits des Ackers gehen

Das Wort Pilger geht zurück auf den latei­nischen Begriff „Peregrinus“. Der wiederum setzt sich zusam­men aus „per“ (über, durch) und „ager“ (Acker). Demnach ist ein Pere­grinus/Pilger jemand, der sei­nen Weg „über den Acker“ (per ager) oder über den Acker hinaus macht oder über das Land. Das Wort pil­gern („pere­grinari“) steht also für „wandern“, „unter­wegs sein“ oder auch „in der Fremde sein“.

Jenseits des Ackers gehen
Pilger sind Fremde

Wer die vertraute heimische Scholle hinter sich ließ, war also ein Fremder und seine Pilger­­reise ein Trip ins Fremde und somit auch ins Ungewisse. So betrach­tet, hat das Pilgern bereits eine lange Tradi­tion. Bereits Abra­ham, Stamm­vater Israels und der Araber, soll vor geschätzt vier Jahr­tau­senden mit seiner Familie in die Fremde gezogen sein, so berichtet es etwa das Alte Testament der Bibel.

Pilger sind Fremde
Pilgermagnet Heiliges Land

Etwa ab dem Jahr 325 setzte ein großer christlicher Pilger­boom ins Heilige Land und nach Jerusalem ein, um auf den Spuren Jesu zu wandeln. Die Auffindung des angeblichen Kreuzes, an dem Jesus gestorben sein soll, war die Initialzündung, dass Menschen auf diese Weise eine Art Nachfolge betreiben wollten – gewissermaßen beten mit den Füßen. Hier die Grabeskirche in Jerusalem.

Pilgermagnet Heiliges Land
Ziellose Pilgerwege

Manche frühchristlichen Mönche sind aber nicht nur gepilgert, um einen bestimmten Ort zu erreichen. Wandermönche, die den Wüstenvätern im späten 3. Jahrhundert im Nahen Osten zuzuordnen sind, gingen in die Ferne, um in die Ferne zu gehen. Es war ihnen nicht wichtig, irgendwo anzukommen, sondern unterwegs zu sein. Es gibt bis heute Pilger­wege, die reine Rundwege sind.

Ziellose Pilgerwege
Anstrengung gegen Sündenvergebung

Bis zum Mittelalter variierte die Form des Pilgerns mehrfach. So war das Pilgern nicht mehr nur eine Reise ins Fremde, vielmehr suchten Gläubige bestimmte Orte auf, wie Jerusalem, Rom oder das Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela. Einer der hauptsächlichen Beweggründe war, Ablass von Sündenstrafen zu bekommen. Dieser Aspekt spielt bei heutigen Pilgern kaum mehr eine Rolle.

Anstrengung gegen Sündenvergebung
Pilgern ein „Narrenwerk“

Nach der Reformation (1517) ging das Pilgern zurück. Für Martin Luther, Begründer des evangelischen Glaubens, war das Pilgern „Narrenwerk“, durch das sich niemand Seelenheil verdienen kann. Die Aufklärung und ein zunehmender Rationalismus taten ein Übriges. Im Pietismus aber wurde das Pilgern spiritualisiert, indem man den Lebensweg des Christen als eine Art Pilger­weg zum Seelenheil verstand.

Pilgern ein „Narrenwerk“
Wallfahren statt Pilgern

Beliebt wurde dann das Pilgern im Sinne von Wall­fahren, um an einem bestimm­ten Ort beson­deres Heil oder auch Heilung zu erfah­ren. Die Begriffe Pilgern und Wall­fahren werden oft vermischt und ganz tren­nen las­sen sie sich nicht. In der evan­ge­lischen Kirche meint man mit Pilgern das Fern­pil­gern, hin zu den alten Pilger­­zielen. Wallfahren bedeu­tet eher, einen „heiligen“ Ort in der Nähe aufzusuchen.

Wallfahren statt Pilgern
Begleitung und Beratung

In Deutschland und Europa sind die Pilger­wege noch im­mer geprägt durch die christ­liche Kultur. Früher gab es nach den ent­spre­chen­den Etap­pen Klöster, in denen die Pilger rasten konn­ten. Dort haben sie dann auch Gebet und Bei­stand durch die Mönche erfah­ren. Heute gibt es ausge­bil­dete Pilger­begleiter, die Menschen in Fragen beraten, die sie mit auf den oft beschwer­lichen Weg nehmen.

Begleitung und Beratung
Loslassen können

Die heutigen Pilger-Spezialisten sagen: Der Pilger­weg beginnt vor der eige­nen Haustür. Erfolg­reich sei er, wenn der Pilger auf seinem Weg immer weiter gehe und den nor­malen Horizont über­schreite. Dabei gehe es nicht nur um den räum­lichen, son­dern auch um den geist­lichen Horizont, der überschrit­ten werden müsse. Um zu einer Klärung im Herzen und in der Seele zu gelan­gen, sei das Loslas­sen wichtig.

Loslassen können
Laufen lockert die Gedanken

Fest steht, dass das Pilgern auch eine große Faszi­nation auf immer mehr Menschen ausübt, die religiös ungebun­den sind. Ein Grund dafür mögen die Gespräche unter­wegs sein. Sprechen beim Gehen ist nicht kon­fron­tativ, son­dern man hat ein gemein­sames Ziel, eine gemein­same Blick­rich­tung und vieles lockert sich im Gehirn, wenn die Füße bewegt werden, sagen Pilger.

Laufen lockert die Gedanken
Ziel-Erfahrung

Wer einen Pilger­weg antritt, muss das wollen. Der Jakobs­weg, Europas belieb­teste Pilger­­stre­cke, bietet auf sei­nen Etap­pen durch viele Län­der zahl­reiche Möglich­keiten der Besin­nung, Begeg­nung und des Ent­span­nens. Und wer, vom Zeichen der Jakobs­muschel navi­giert, am Ziel Santiago de Compo­stela ankommt, für den treten die Mühen und Entbeh­rungen des Weges bestimmt bald in den Hintergrund.

Ziel-Erfahrung

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Quelle:    Dieser Beitrag von Klaus Krämer wurde veröffentlicht bei DW am 1. April 2018

Eine kleine Geschichte des Pilgerns

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