«Wie der Jakobsweg mein Leben veränderte.»      Markus wollte einmal aus seinem aktuellen Leben aussteigen – und entschied sich, den Jakobsweg zu gehen.

 

Unterwegs zu sich selbst © Markus Büttner

Sechs Jahre ging mir dieser Wunsch durch den Kopf. Sechs Jahre Auf­schie­ben, Aus­reden suchen, dass man es ja irgend­wann mal machen wolle, noch irgend­wann genü­gend Zeit dafür habe. Sechs Jahre nicht der rich­tige Moment und keine Zeit für so was. Sechs­mal Jahres­urlaub in Bots­wana, Japan und Mexiko. Im Busch, in der Wüste und in den Bergen. Natür­lich nur mit Locals, alles andere als touris­tisch. Nur Hidden Spots, versteht sich.

Jeder Trip sollte noch krasser sein als der vorhe­rige. Gefühlt sollte sich jeder schon vom Namen her so anhö­ren, als würde da nie­mand ande­res jemals hin­kom­men. Jede Reise sollte schon im ersten Satz das Umfeld beein­drucken. Ohne die Face­book-Alben im Nach­hinein schon die FreundInnen im Vor­feld vor Neid erblas­sen las­sen. Und so beti­telt, als wären diese Erfah­run­gen das Normal­ste der Welt. Den ande­ren Wellen­reiterInnen, Welt­rei­senden und West­küstlerInnen mit den Bildern ein biss­chen Parole bieten. Könnte man meinen.

Dieses Mal nur Europa. Langweilig

Jetzt war es also soweit. Der offen­sicht­lich langwei­ligste Trip meines Lebens stand mir bevor. Der Jakobs­weg – zu Fuß einmal quer über die Iberi­sche Halb­insel. Bewusst habe ich die Entschei­dung für genau diesen Weg getrof­fen, weil ich tat­säch­lich mal raus wollte aus meinem aktuel­len Leben. Zeit für mich haben wollte. Mal weg sein. End­lich wieder ein Ziel vor Augen haben, was mir beruf­lich und persön­lich so sehn­lich fehlte. Da schien dieser uralte Selbst­fin­dungs­trip geradezu perfekt.

Und nun keinen Van, keine wilden Tiere und kein wildes Camping. Keine Locals, keine Wellen und keine indi­schen 3. Klasse­tickets. Nein. Diesmal nur Europa. Lang­weilig. Zu Fuß. Noch langwei­liger. Sechs Wochen lang Main­stream als einer von vielen. Geht’s noch?

800 Kilometer bis nach Santiago de Compostela wollten began­gen werden. Einmal quer durch Spanien. Mit Ruck­sack und Wander­schuhen. Der Zeit­punkt für dieses Sabba­tical, wie sie es in meiner Firma nannten, hätte eigent­lich nicht besser sein kön­nen. 31 Jahre, ledig, orien­tie­rungs­loser und unbe­frie­digter Mitar­beiter in einer Social Media Agentur. Zukunfts­pläne gleich null, Nach­hal­tig­keit des aktu­el­len Jobs: unter Null. Was hält dich also noch auf? Let’s go!

Und es sollten die besten, intensivsten und aufregendsten Wochen meines Lebens werden.

Die Vorbereitung war hart, die Vorurteile hartnäckiger

Sechs Monate hatte ich mich akribisch vorbereitet. Habe Feier­abende und ganze Wochen­enden in Out­door-Läden verbracht. Könnte eine Master­arbeit über verschie­dene Ruck­säcke, Mikro­faser-Hand­tücher und Merino­wolle schreiben. Bin in Wander­schuhen zur Arbeit gegan­gen, absicht­lich Umwege gelau­fen. Alles nur, um mir die Angst eines mög­li­chen Scheiterns ein bisschen zu neh­men. Denn es gab nur ein geo­gra­fisches Ziel, die Kathe­drale von Santiago de Compo­stela, und ein persön­liches: ankom­men. Egal wie. Alles andere wäre eine Enttäu­schung gewesen.

 

Der Autor mit Stöcken, Rucksack und Hut. © Markus Büttner

Das allgemeine Bild, welches mir aus Medien und Erzäh­lun­gen bekannt war, war alles andere als viel­ver­spre­chend. Die 50er-Schlaf­säle, Touris­ten­ab­zocke, Menschen­massen und niemals Ruhe waren noch die ange­neh­me­ren Angst­mache­reien. Vor­freu­de sieht anders aus. „Da gibt’s doch sicher coolere Wege. Warum läufst du nicht den Pacific Crest Trail von Mexiko nach Kanada? Das ist ein rich­tiger Trip!“, musste ich mir aus dem engsten Freun­des­kreis anhören. Naja, meine Ent­schei­dung war getrof­fen. Jetzt gab es für mich kein Zurück mehr.

Immer noch 790 Kilometer und dazu die große Frage des Warum

Nun stand ich Saint-Jean-Pied-de-Port, einem kleinen Dorf mitten in den fran­zö­si­schen Pyre­näen. Bereit. 1.200 Höhen­meter auf 28 Kilo­meter Strecke stan­den auf der ersten und zugleich kör­per­lich anspruchs­voll­sten Etap­pe auf dem Plan. Mit elf Kilo­gramm Gepäck auf dem Rücken und vielen Zweifeln im Her­zen. Es war die reinste Tortur. 24 Kilo­meter nur steil bergauf.

Schon nach den ersten acht Kilo­metern musste das erste Blasen­pflas­ter her­hal­ten, aber das atem­be­rau­bende Pano­rama der Pyre­näen, die unge­bro­chene Moti­vation, dass es end­lich losgeht und die ersten tief­grün­digen Gespräche mit Mit­pil­gerInnen ließen keine Zweifel daran, dass ich am Abend im histo­rischen Kloster von Ronces­valles übernachten werde.

 

Noch 790 Kilometer bis zum Ziel. © Markus Büttner

Der erste innere Kampf und die Frage, warum man sich auf diesen langen Weg begebe, kamen schon zu Beginn des Caminos oft und unver­blümt. Ja, warum denn eigent­lich? So richtig konnte ich mich nicht erklä­ren. War es wirk­lich nur der Grund, dass ich die PilgerInnen in Santiago zufäl­lig vor sechs Jahren schon mal habe ankom­men sehen? Dieses Triumph­gefühl auch einmal erle­ben wollte? War es die persön­liche Challenge, die ich mal wieder in meinem Leben zu brauchen schien? War es die Auszeit aus der so schnell­le­bigen Social-Media-Welt? Wer bin ich denn eigent­lich? Ich hatte viele Fragen und wenig Ant­wor­ten. Am Ende meiner Reise sollte es um­ge­kehrt sein. Da hatte ich mehr Antworten als Fragen.

„Wenn du jetzt nicht weißt, warum du den Jakobs­weg gehst, dann weißt du es spätes­tens am Ziel“, wurde mir von einem erfah­re­nen Pilger schon zu Beginn der Reise nahe­gelegt. Die Gründe, warum so viele Men­schen sich auf die­sen Weg, diese Wan­de­rung und spiri­tuelle Reise in ihr Inners­tes bege­ben, sind so unter­schied­lich wie die Land­schaf­ten, die man durchstreift.

Alle PilgerInnen hatten sich bewusst für ihren eige­nen Selbst­er­fah­rungs­trip im posi­tiven Sinne, ja diese Psycho­therapie zu Fuß ent­schie­den, hatten ein persön­liches Schicksal, eine beruf­liche oder persön­liche Verän­de­rung hinter oder auch vor sich und wagten vor allem, aus welchem Motiv auch immer, die Konfron­tation mit Körper und Geist. Viele waren an einem Scheide­weg und an einem Punkt des Umbruchs in ihrem Leben. Keiner war mehr wert als der andere. Es gab keine VIP-Line, keine Rang­ord­nung und keinen gesell­schaft­lichen Status. Wer du zu Hause bist oder warst, spielte keine Rolle. Ob MaurerIn oder Archi­tektIn, ob Mana­gerIn oder Arbeits­loser. Es gab keinen Unter­schied und in Wander­schuhen und Regen­jacke waren sowieso alle, auch äußer­lich, gleich. Jeder musste den­sel­ben Weg zurück­legen. Und der war das Ziel.

Alter, Geschlecht, Religion, Herkunft, Beweg­gründe oder Schicksale spielen keine Rolle

Welche Menschen tun sich diese Strapazen an, wochen­lang zu Fuß, bei strö­men­dem Regen und bei brü­ten­der Hitze durch die spani­sche Land­schaft zu gehen? Ich kann es nur schwer beschrei­ben, aber es war die Welt im Mikro­kos­mos. Die Mensch­heit kompri­miert auf 800 Kilo­meter. Ein klei­nes Abbild mit einem sehr speziellen Spirit.

 

© Markus Büttner

Ich traf eine junge Lettin, die keine Kinder bekom­men kann, zwei US-Ameri­kanerInnen, die ihre verlo­ren hatten, eine Slowe­nin auf Job­suche, einen Schweden, der just for fun unter­wegs war, wie er sagte. Urlau­berInnen, Rent­nerInnen und Witwen. Singles und Pärchen. Gläu­bige und AtheistInnen, Spiri­tuelle, ChristInnen und MuslimInnen. Die Jüngste war 19, der Älteste 81. Pilgernde aus Neusee­land und Südaf­rika, aus Amerika und Asien. Aus Groß­städten und der Provinz.

Ich traf die Menschheit und erlebte Menschlich­keit, wie sie einfach und gut funk­tio­nieren könnte. Mit Hilfs­bereit­schaft, Ehrlich­keit und Rück­sicht­nahme. Ohne vorschnelle Urteile, poli­tische Ressen­timents und vor allem ohne Zeit­druck. Denn das war eines der Geheim­nisse, die für mich so beson­ders waren: Zeit. Und zwar alle dieser Welt. Ein Gut, welches in der moder­nen und hek­ti­schen Welt sehr sel­ten und kost­bar gewor­den ist. Keine Termine, keine Verpflich­tun­gen und keine Einflüs­se aus dem gewohn­ten Umfeld. Nichts. Ein Maximum an Frei­heit mit einer kreide­leeren To-do-Liste.

 

© Markus Büttner

Damit muss man erst mal zurechtkommen. Zeit für Gespräche. Zeit für sich. Zeit für den bewuss­ten Aufgang der Sonne und deren Unter­gang. Zeit für Kaffee im Sit­zen und Bücher im Liegen. Zeit für Rot­wein und Liebe, für Tränen und Lasten. Zum Auf­ar­bei­ten von Gedan­ken, die man jahre­lang dank Insta­gram und Face­book erfolg­reich verdrängt hatte. Nun, in der kargen spani­schen Land­schaft und ohne Smart­phone, gab es keine Ablen­kung mehr und die Gedan­ken kamen wie ein Wirbel­sturm aus dem tiefs­ten, eigenen Unter­grund. Dank Digital Detox ungefil­tert, unge­bremst und unge­bro­chen. Eine spiri­tuelle Heraus­for­derung im Ange­sicht der eigenen Seele.

Ganze Tage habe ich erst den Tod und dann das Leben meines Groß­vaters Revue pas­sie­ren las­sen. Die erbar­mungs­lose Hitze von bis zu 41 Grad im Schatten inten­si­vierte dieses Erleb­nis wie ein lang­samer, stetig anstei­gender Kampf bei der Kon­fron­tation mit mir selbst und der immer detail­reicher wer­den­den Erin­ne­rung. War es viel­leicht nur das, dass ich einfach mal Zeit brauchte? Nach Abitur, Studium und perfektem, lücken­losen Lebens­lauf? Zeit für mich? Nur sich selbst fin­den und kennen­lernen? Den Sinn des Lebens erkennen? Nur?

Der emotionale Höhepunkt am höchsten Punkt: Das Cruz de Ferro zwingt mich in die Knie

Ich konnte so viele Kleinigkeiten, die ich auf dem Camino erlebt hatte, im Metapho­rischen auf mein ganzes Leben über­tra­gen und viel über mich und die Welt ler­nen. Etwa am Cruz de Ferro, dem höchs­ten Punkt des Jakobs­weges mit einem recht schmuck­losen, schmalen Eisen­kreuz. 600 Kilo­meter hatte ich da schon in den Beinen und im Herzen, 200 to go. Die Tradi­tion ist, dass die Pil­gerInnen einen Stein aus ihrer Heimat hier able­gen. Ob sie das aus Dank­bar­keit, Für­bitte, für die Vergan­genheit oder die Zukunft, für sich oder für andere ablegen, kann jeder selbst entscheiden.

Es ist ein wahrlich magischer Ort und ich spürte diese unbeschreib­liche Energie, die dieser Platz mit seinen gefühlt zwei Millio­nen Steinen ausstrahlt. Für mich war es einer der emo­tio­nal­sten Momente des ganzen Trips, als ich bei Sonnen­auf­gang an diesem Kreuz ankam. Ich hatte Glück und war nur alleine mit einem Mann vor Ort. Er war etwa 70 Jahre alt, hatte ein Kreuz wie ein Stier und einen Voll­bart. Ein Bild von einem gestan­denen Mann. Ein schein­bar harter Hund. In abso­luter Stille ließen wir diesen Moment auf uns wirken, bis er anfing wie ein Schloss­hund zu weinen, zusam­men­brach, auf die Knie fiel, ein kleines Fläsch­chen aus sei­nem Ruck­sack holte und die darin befin­dende Asche auf dem Boden vor dem Kreuz verstreute.

 

© Markus Büttner

Auch mich packte diese sehr bewegende Situation und auch ich ließ meinen Emo­tio­nen, die sich durch die Höhen und Tie­fen, die Sorgen und Qualen in den letz­ten vier Wochen ange­sam­melt hatten, freien Lauf. Ich weiß nicht, ob es die Asche seiner Frau, seiner Tochter oder seines Hundes war. Das tut aber auch nichts zur Sache. Denn was ich aus dieser Situa­tion lernte, war, dass man nie weiß, wie schwer, im über­tra­genen Sinne, der Ruck­sack ist, den jeder auf dem Jakobs­weg oder im Leben mit sich trägt und wie schwer oder groß der Stein ist, den die Pil­gerInnen auf dem Rücken und im Herzen mit sich schleppten.

 

Es gibt keinen Liedtext, der besser zu meinem dama­ligen Befin­den besser passte als Frank Sinatras My Way. „And now the end is near and so I face the final curtain”, singt er da. Genau so fühlte ich mich. Ich sah den Vorhang vor mir, der schon bald zu fallen schien. Und es war komisch. Die letz­ten 200 Kilo­meter verlie­fen sehr befreit und unbe­schwert, doch je mehr ich mich mit meinen inter­na­tio­nalen Bekannt­schaf­ten der Kathe­drale näherte, kam ein Gefühl der Unge­wiss­heit und Unsicher­heit in mir auf. Mit jedem Schritt näher­ten wir uns dem Ziel, aber auch dem Ende. Was kommt danach? Wo geht der Weg weiter?

Tränen der Dankbarkeit

Die Ankunft war eine emotionale Reizüber­flutung für mich. Wie der Mann am Cruz de Ferro, brach auch ich unter Tränen am Boden zusam­men als ich die beein­druckende Kathe­drale von Santiago de Compo­stela erblickte. Es waren Tränen des Stolzes. Stolz, diesen beschwer­lichen und voll­kom­menen Weg auf sich genom­men und erfolg­reich been­det zu haben. Es waren Tränen der Dank­bar­keit. Dankbar, über­haupt laufen zu dürfen und zu können. Dankbar, ohne Verlet­zung die 800 Kilo­meter bewäl­tigt zu haben. Dankbar für jeden einzel­nen Schritt, für jeden Regen, für jede Begeg­nung und jede Blase. Für die Gedan­ken und Gespräche, die mich als Mensch haben wachsen lassen.

Und auch einfach dankbar für diese gute Zeit, die mich mein Leben nach­haltig verän­dern ließen. Ich lernte, dass Santiago nicht das Ziel, sondern der Anfang des eigent­lichen Jakobs­weges war. Ich bin ange­kom­men. In Santiago. Bei mir. Ich war oft alleine, aber nie einsam. Ich habe gemerkt, dass ich am glück­lich­sten war, als ich am wenig­sten bei mir hatte. Ich habe fest­ge­stellt, dass ich meinen Körper, und zwar jede einzel­ne Faser, nun deut­lich besser kenne und spüre als zuvor. Mehr Acht gebe. Ich habe gemerkt, dass es über­haupt nichts bringt, sich über das Wetter auch nur eine Sekunde aufzu­regen. Man kann es eh nicht ändern. Statt­dessen habe ich öfter mal zum Him­mel geschaut. Die Wol­ken gelesen, die Zei­chen gesehen, die Sonne genossen. Gebetet.

Alles ist gut

Nach über sechs Wochen, in denen ich fast aus­schließ­lich in Rich­tung Westen gelau­fen war, drehte ich meinen Körper und meinen Geist erst mal wieder gen Osten. Zurück. Nach Hause. Zurück in meine Münchner Woh­nung. Ende Juli bin ich dann daheim ange­kom­men und mir war klar, dass ich in meinem Leben etwas ändern werde. Ich will meinen Wünschen und Träumen mehr fol­gen. Mehr auf mein Herz und weniger auf meinen Verstand hören.

Deshalb habe ich nach kurzer Zeit zurück in der Agentur meinen Job gekün­digt – ohne neuen Vertrag in der Tasche. Dafür aber mit viel Gott­ver­trauen, Selbst­be­wusst­sein und Moti­vation im Rücken, und will nun Geld und Materiel­lem in Zukunft noch weniger Beachtung schenken.

Stattdessen will ich mehr auf die schönen Seiten der Welt achten und diese als Free­lancer jour­na­listisch porträ­tieren. Es gibt so viel zu erzäh­len. Ich will meine Zeit inten­siver und mein Smart­phone seltener nutzen. Ich möchte in Zukunft lang­samer gehen und öfter mal anhal­ten. Bewusst durch­schnau­fen und auch mal zurück­blicken. Mutiger sein. Ich möchte weniger über Menschen schnelle Urteile fäl­len und einfach zufrie­dener und dank­barer sein für das, was ich habe. Für scheinbar Selbs­tver­ständ­liches. Für Schatten, für meine Füße, für meine Familie und meine Gesundheit. Für das Leben.

Buen Camino.

 

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Quelle:    Dieser Beitrag von Markus Büttner wurde am 31. Okt­ober 2017 in ze.tt – einem Partner von ZEIT-ONLINE – veröffentlicht

Auf dem Jakobsweg – Psychotherapie zu Fuß

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