Das Interesse am Pilgern

…  ist in Deutschland neu entfacht. Das zeigt der mehr als vier Millionen Mal ver­kauf­te Best­­seller von Hape Kerke­­ling < Ich bin dann mal weg >. Nicht zuletzt wurde das Thema durch das Buch einer brei­­ten Masse zu­gäng­­lich. Inzwi­­schen inte­res­­sieren sich Men­­schen für das Thema, die mit Kirche und Religion schon lange nicht mehr ver­bin­­det als viel­­leicht Oster­­eier und Weih­­nachts­­geschen­ke.

Der der­zeit bekann­teste Pilger­weg ist wohl der Jakobs­weg.  Und leider führt schon die­se For­mu­­lie­rung immer wieder zu Miss­ver­ständ­­nis­sen. So gibt es nicht den ei­nen Jakobs­weg.

Jakobs­wege haben sich vor­rangig seit dem 9. Jahrhun­­dert unse­rer Zeit­­­rech­­­nung in ganz Euro­pa ent­­­wickelt. Es exis­­­tierte ein rich­tiges Wege­­netz mit ent­­sprech­en­den Knoten­­punk­ten. Von hier aus star­teten die Pilger in den zurück­liegen­den Jahrhun­der­ten, taten sich zusam­men, um nicht allein reisen zu müssen. Schließ­lich war damals das Reisen mit Gefah­ren ver­bun­den.

Wie hat man das früher gemacht?

Unsere Vor­fahren konn­ten nicht ihre sechs Wochen gewerk­schaft­lich erstrit­tenen Urlaub für die Reise nutzen. In der Regel galt es Kinder oder Eltern zu ver­sor­gen. Out­door-UL-Ausstat­ter gab es noch nicht. Bei Krank­heit konnten die meisten nicht einfach einen Arzt rufen oder spontan Medi­ka­mente in der Apo­theke besor­gen. Auf Bank­auto­maten mussten unsere Vor­fah­ren ebenso ver­zich­ten. Und auch der be­queme Rück­flug war nicht möglich. Der Flug­hafen in Santiago wurde erst im letz­ten Jahr­hun­dert für den Flug­ver­kehr frei gege­ben.

Folg­lich waren die Pilger über Jahr­hun­derte dazu gezwun­gen, bereits auf dem Hin­weg ihr Habe auch für die Rück­reise mit sich zu tragen. Das alles führte nicht selten zu einer ent­we­der sehr zeit- und kräfte­rau­ben­den, oder nicht selten zu einer kurzen Reise. So manch einer erreich­te das Ziel gar nicht. Manche traten gezwun­gen oder in frem­dem Auf­trag diese beschwer­liche Reise an. Da mut­maßen die heu­ti­gen An­for­de­run­gen an einen Pil­ger eher unbe­deu­tend an.

Der Jakobsweg ist zurück aus dem «Dornröschen-Schlaf»

Aber nicht nur die Men­schen haben ihr Interesse am Jakobs­weg wieder ent­deckt. Auch Gemein­den und Unter­neh­men wollen an diesem neuen Markt parti­zi­pieren. So werden regel­mäßig neue Jakobs­wege aus­ge­zeich­net. Reise­ver­an­stal­ter bieten Reisen zum und auf dem Jakobs­weg an. Mindes­tens zwei Her­steller von Ruck­säcken in Deutsch­land führen 2013 jeweils ein Modell speziell für den Jakobs­weg.

Pilgern ist in der heu­ti­gen Zeit ange­kommen. Pilgern ist in. Und dabei hat der neue Hype um das Laufen auf dem Jakobs­weg nicht zwangs­läufig bei jedem eine Moti­vation aus reli­giösen Beweg­gründen. Zwar gibt auf diese Frage bei ihrer Ankunft im Pilger­büro in Santiago de Compo­stela die Mehr­heit religiöse Gründe als Anlass zum Pilgern an, aber die Zahl derer, die offen zugeben aus sport­lichen oder kultu­rellen Gründen zu laufen steigt zuneh­mend und deutlich.

Was soll der Pilger-Neuling tun

…  wenn er sich selbst auf den Weg machen will? Auf unseren Wegen haben wir Menschen getrof­fen, die auf dem Jakobs­weg Hotels durch spezielle Reise­ver­an­stal­ter vor­ge­bucht hatten, mit Gepäck­trans­port oder gar gleich per Bus den Weg bereis­ten. Klar. Solche Reis­earten sollen Menschen mit entspre­chen­den Handi­caps vor­be­halten sein. Warum aber sollten unsere Ängste und Befürch­tungen uns von einem der wohl letz­ten Heraus­for­derun­gen abhal­ten, die nahezu jedem Men­schen möglich ist, unab­hängig von Alter, Bildung, Beruf, Vermö­gen, Konfes­sion, Glauben, poli­tischer Ein­stel­lung, gesell­schaft­licher Stellung, Haut­farbe und Natio­nali­tät.

Nicht ohne Grund wurde das Jakobswegenetz als erhal­tens- und schützens­wertes Welt­kultur­erbe ausge­zeich­net. Tatsächlich treffen sich, insbesondere auf dem heutigen Haupt­weg, dem «Camino Frances», Men­schen nicht nur aller euro­pä­ischen Nationen, son­dern aus der gesam­ten Welt. Seinen Namen trägt der Weg vermut­lich, weil er Frank­reich mit Santiago ver­bin­­det. Es exis­tiert ande­­rer­­seits die Vermu­­tung, dass er sei­nen Namen den Fran­­zo­sen ver­dankt, die ins­­be­­son­­dere ab dem 15. Jahr­­hun­­dert über diesen Weg nach Santiago pil­gerten.

Schaffe ich das auch?

Egal für welchen der zahllosen wiederbelebten Jakobs­­wege in Deutsch­­land, Polen, Hol­­land, Bel­gien, Öster­reich, Schweiz, Frank­­­reich, Por­­tu­­gal und selbst­­­ver­­ständ­­­lich Spanien man sich ent­­schei­­det und lau­­fen möchte, fol­gen­de Dinge sollten nicht von dieser Reise abhal­­ten:

Fragen! Antworten?

•   ich weiß nicht, ob ich allein so eine Reise schaffe
•   ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll
•   ich weiß nicht, was ich dafür brauche
•   ich weiß nicht, ob ich so viel Gepäck tragen kann
•   ich weiß nicht, ob ich Klima und tägliche Belastung gewachsen bin
•   ich weiß nicht, wie ich hin und zurück komme
•   ich weiß nicht, wie das ohne Sprachkenntnisse gehen soll

Reise- und spezielle Pilgerführer, wie sie bspw. der Conrad-Stein Verlag mit seiner Out­door-Reihe anbie­tet, geben gute Aus­künf­te zu den meis­ten Themen. Aber auf die erste Frage «schaffe ich das?», kann kein Buch eine Antwort geben.

Das muss man ausprobieren

Machen.
Tun.

Im Jahre 2013 haben wir uns er­neut auf den Weg ge­macht. Die­ses Mal be­gan­nen wir ihn vor der eige­nen Haus­türe. Von Bremen aus führte un­ser Weg uns quer durch ein fried­liches Euro­pa, über Gren­zen hin­weg, durch Deutsch­land, Frank­reich und Spa­nien, bis zur Kathe­drale in Santiago de Com­po­stela – und über das Ziel hin­aus nach Muxia und an das Cabo de Fis­terra, an das «Ende der Welt».

Auf den nachfolgenden Karten haben wir im Vor­hinein
den Verlauf un­se­res Weges skiz­ziert:

­­► ­    zur Übersichtskarte   Deutschland
­­► ­    zur Übersichtskarte   Frankreich
­­► ­    zur Übersichtskarte   Spanien

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